Marbacher Hefte

Spuren der Freundschaft von Peter Huchel und Hans Arno Joachim in der Region

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Do, 22. August 2019 um 20:13 Uhr

Literatur & Vorträge

Ein Besuch des Jüdischen Friedhofs in Sulz war der beginn ihrer Freundschaft: Die Marbacher "Spuren" rekonstruieren die Freundschaft von Peter Huchel und Hans Arno Joachim.

Wer schon einmal den Jüdischen Friedhof in Sulzburg besucht hat, weiß um die Besonderheit des Ortes. 1925 machen sich zwei junge Männer auf den Weg dorthin: Von Staufen aus sind es sieben Kilometer zu dem außerhalb des Dorfes gelegenen Ruheort. Es sind die Freiburger Studenten Helmut Huchel – der sich später den Vornamen Peter geben wird – und Hans Arno Joachim. Sie werden sich aus den Augen verlieren, denn der eine von ihnen, Joachim, ist Jude, der andere nicht. Noch können sie ihre Erfahrungen, ihre Lektüren teilen.

Was Huchel im Rückblick 1953 über den Friedhof schreibt, könnte von heute stammen: "Es war eine Gräberstätte, die in ihrer wilden Verlassenheit seltsam anziehend war. Andere Steine standen wie alte Grenzsteine da, die Himmel oder Hölle absteckten. Jahrhundert um Jahrhundert stehen sie so, sie kennen jeden Lichteinfall, jedes Geräusch der Nacht, jeden Vogelschrei, den Blätterfall, das Sickern des Wassers."

Die denkwürdige Wanderung zweier hoffnungsvoller junger Intellektueller schildert der in Karlsruhe lehrende Germanist Wolfgang Menzel im 111. Heft der Marbacher "Spuren" – jener Reihe, die der Präsenz von Schriftstellern an Orten im deutschen Südwesten nachgeht.

Joachims Schicksal blieb Huchel verborgen

Der gemeinsame Besuch des Sulzburger Friedhofs markierte den Beginn einer fruchtbaren Freundschaft, die mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ein jähes Ende fand. Peter Huchel fahndete nach dem Krieg vergeblich nach seinem Freund und Mentor, der ihn – nur um ein Jahr älter, aber urbaner, schlagfertiger und geistreicher – in seiner Freiburger Studienzeit maßgeblich förderte, Kritiker und Lektor seiner ersten Gedichte wurde, Kontakte zu Verlagen herstellte.

Joachims Schicksal blieb Huchel, der 1971 aus der DDR nach Staufen kam und 1973 sich noch einmal auf den Weg zum Sulzburger Friedhof machte, verborgen. Nachdem Joachim wie viele Intellektuelle Zuflucht im südfranzösischen Sanary-sur Mer gefunden hatte, wurde er am 27. März 1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Sein bitteres Gedicht "Der Gott der Väter" wurde erst 1996 im Nachlass von Alfred Kantorowicz gefunden. Darin heißt es: "Hans Aron (!) JOACHIM, Schriftsteller / der sich deiner erinnert, mein Gott, /zu Freiburg einer Stadt, welche gelegen ist an drei Quellen. // Und nun mehr ein Fremdling geworden ist im Lande Deutschland". "Huchel und Joachim auf dem Sulzburger Friedhof" gehört zu den bewegendsten Beiträgen der vor über 30 Jahren gegründeten Reihe, die mit weiteren Neuerscheinungen aufwarten kann: "Günter Eich und Baden-Baden" und "Peter Weiss in Tübingen".

Eich wusste bestens, wie Radio funktioniert

Eich und Baden-Baden: Das ist eine Erfolgsgeschichte. Eine Erfolgsgeschichte mit dem nach dem Krieg erneut zu einem Leitmedium aufsteigenden Radio. Günter Eich war die Arbeit für den Rundfunk bestens vertraut – von 1933 bis 1940 war er ein überaus erfolgreicher Hörfunkautor, was ihm später nicht schadete. Der Literaturwissenschaftler Roland Berbig, Autor des "Spuren"-Hefts 114, verweist nur in einem Nebensatz auf den "Großdeutschen Rundfunk". Tatsache ist: Eich wusste bestens, wie Radio funktioniert und brachte sich beim Südwestfunk (SWF) 1946 zunächst als Lyriker ins Gespräch. Erste Hörspiele fanden jedoch keine Gnade. Doch Eich blieb dran: "Sie zahlen neben Hamburg am besten."

Die Wende kam am 4. September 1950. Auf die persönliche Einladung des damaligen SWF-Intendanten Friedrich Bischoff hin, reiste Günter Eich nach Baden-Baden. Er blieb für intensive Gespräche drei Tage lang. Was im einzelnen besprochen wurde, darüber schweigt Eichs Taschenkalender. Auf jeden Fall lieferte er von da an jene Manuskripte, die jeder hören wollte. Wieso diese, wie Berbig anmerkt, so stark den Zeitgeist trafen, wird nicht erörtert – dafür Eichs wachsender Erfolg, der 1953 (für "Die Andere und ich") mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden gekrönt wurde.

Berbig stellt lapidar fest: "1953 war Eichs Baden-Baden-Jahr." In keinem Jahr besuchte er die Stadt so oft, es kam zur Begegnung mit Gert Westphal, dessen "heitere Intelligenz" (Berbig) Eich bezauberte. Berbigs lakonisches Fazit: "Nie wieder würden Geltung und Geld derart einvernehmlich in Eichs Dasein walten."

Das "Spuren"-Heft "Peter Weiss in Tübingen" nimmt seinen Ausgang vom Ausflug des Autors mit seinem Verleger

Für Peter Weiss hingegen ging, als er gemeinsam mit dem Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld in Tübingen im Juni 1971 den Hölderlin-Turm besichtigte, ein schwieriges Jahr zu Ende. Der in Stockholm lebende Sohn eines jüdischen Vaters, der mit seiner Familie 1938 Deutschland verlassen musste, hatte ein Jahr zuvor einen Herzinfarkt erlitten, kurz nachdem er sein Stück "Hölderlin" begonnen hatte.

Oliver Kobolds "Spuren"-Heft "Peter Weiss in Tübingen" nimmt seinen Ausgang vom Ausflug des Autors mit seinem Verleger und knüpft allerlei Verbindungen – so wie Weiss selber sich mit dem Dichter identifizierte. Als Heranwachsender hatte Peter Weiss 1928 ein halbes Jahr lang die Tübinger Oberrealschule besucht. Die Beziehung zu dem Dichter, der dort beim Schreinermeister Zimmer "vier Jahrzehnte lang bis an sein Lebensende dahindämmerte" (Weiss) stellt sich indes erst bei der Arbeit an dem erfolgreichen Theaterstück ein. Dieses wurde in der Buchausgabe binnen weniger Monate 20 000 Mal verkauft, nach der Stuttgarter Uraufführung an mehreren Theatern inszeniert und es leitete eine Hölderlin-Renaissance ein, die sich zum 250. Geburtstag im nächsten Jahr wohl kaum wiederholen wird.

Dass es bis zum Jahr 2013 dauern würde, dass die Stadt Theodor Haering, einem führenden Mitglied des NS-Dozentenbundes, der Philosophie als "geistige Rassenkunde" verstand, die Ehrenbürgerschaft aberkannte, konnte Peter Weiss nicht ahnen. Doch er sah, dass der "große schlafende Körper" Westdeutschland wenig bereit war, sich der NS-Vergangenheit zu stellen. Heute wird wieder von Denkmälern der Schande und von "Vogelschiss" gesprochen.
Wolfgang Menzel: Huchel und Joachim auf dem Sulzburger Friedhof. Roland Berbig: Günter Eich in Baden-Baden. Oliver Kobold: Peter Weiss in Tübingen. Spuren, Marbach 2019. Je 16 Seiten, 4,50 Euro.