Strategie gegen Fahrverbote

Stuttgart testet Hightech-Asphalt gegen Luftbelastung am Neckartor

dpa

Von dpa

Mo, 15. April 2019 um 16:12 Uhr

Südwest

Der Straßenbelag soll die Belastung mit Stickstoffdioxiden verringern – für 700000 Euro. Er ist nur eine der Maßnahmen, durch die das Land auf flächendeckende Fahrverbote für Euro-5-Diesel verzichten will.

Die Stadt Stuttgart setzt auf ein neues Mittel im Kampf gegen hohe Schadstoffwerte in der Luft. Ein spezieller Straßenbelag am Neckartor soll dafür sorgen, dass die Belastung mit Stickstoffdioxiden sinkt. Es ist ein weiterer Teil eines Maßnahmenkatalogs, den das Land beschlossen hat, um flächendeckende Fahrverbote für Euro-5-Diesel zu verhindern. Auch an anderen Stellen in Stuttgart sollen solche Beläge eingesetzt werden.

Am Neckartor wird die höchste Belastung mit Stickstoffdioxiden deutschlandweit gemessen

"Insgesamt hat sich die Schadstoffbelastung der Luft in den letzten Jahren aufgrund zahlreicher Luftreinhaltemaßnahmen deutlich verbessert", sagte am Montag der Leiter der Abteilung Straßenverkehr und Straßeninfrastruktur im Verkehrsministerium, Andreas Hollatz. In der Landeshauptstadt waren zuletzt zwar die Feinstaubwerte gesunken. Bei den Stickstoffdioxiden wurde im vergangenen Jahr an der Messstelle am Stuttgarter Neckartor allerdings noch ein durchschnittlicher Wert von 71 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft registriert - die höchste registrierte Belastung in Deutschland. Erlaubt ist in der EU ein Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft.

Trotzdem kündigte die grün-schwarze Landesregierung in der vergangenen Woche bereits an, angesichts neuer Prognosen zur Luftreinhaltung auf flächendeckende Fahrverbote für Diesel der Euronorm 5 in Stuttgart zu verzichten. Es kämen allenfalls nur noch einzelne, streckenbezogene Verbote in Betracht, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). "Aber wir tun alles, um das auch zu vermeiden."

Schon im Februar hatte die Koalition Zeitpläne für Luftreinhaltungsmaßnahmen in Stuttgart festgezurrt. Ein Teil davon: der Hightech-Asphalt am Neckartor. Die Deckschicht des Straßenbelags der Firma Strabag enthält Titandioxid, das Stickoxide in unschädliche Stoffe umwandelt, wie Verkehrsministerium und Stadt Stuttgart mitteilten. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse sollen im Sommer vorliegen.

Noch bis Mittwoch wird der Straßenbelag zwischen Willy-Brandt-Straße und Cannstatter Straße mit dem speziellen Gemisch erneuert. Das Land beteiligt sich mit bis zu 200 000 Euro. Insgesamt kostet die Erneuerung 700 000 Euro. Den Rest trägt die Stadt.
Zudem ist geplant, Gebäude des Landes am Neckartor und an weiteren besonders belasteten Straßen mit einer speziellen Farbe zu bestreichen, welche Stickstoffdioxide binden soll. Darüber hinaus sollen bestehende Feinstaub-Filtersäulen am Neckartor so umgerüstet werden, dass sie auch Stickstoffdioxide absorbieren.

2018 konnten die Grenzwerte für Feinstaub eingehalten werden – auch dank günstiger Wetterbedingungen

Schuld an den Fahrverboten in Stuttgart sind die erhöhten Werte von Stickstoffdioxid. Im Kampf um saubere Luft hat man sich in der Landeshauptstadt bislang aber vor allem auf den Feinstaub konzentriert. So wurden beispielsweise Filtersäulen aufgestellt, die die Partikel aus der Luft aufnehmen sollen. Nassstaubsauger sirrten während der Feinstaubsaison im Winter über Straßen und Gehwege rund um die Messstelle. Auch eine 300 Quadratmeter große Mooswand wurde aufgestellt, ihr Effekt ließ sich allerdings nicht belegen. 2018 konnten auch dank günstiger Wetterbedingungen die Grenzwerte für Feinstaub eingehalten werden.

Um die EU-Grenzwerte für Stickstoffdioxide einzuhalten, dürfen seit Jahresbeginn keine Diesel, die unter die Schadstoffklasse 4 oder schlechter fallen, in die Umweltzone der Landeshauptstadt fahren. Allerdings gibt es zahlreiche Ausnahmen etwa für den Lieferverkehr, Handwerker und Pendler im Schichtdienst.
Ab sofort können auch viele Park&Ride-Anlagen in Stuttgart wieder mit älteren Diesel-Autos angefahren werden. Als Nachweis könne dabei unter anderem ein gültiges Ticket für öffentliche Busse und Bahnen oder ein Parkschein beziehungsweise eine Parkquittung dienen, so ein Sprecher des Verkehrsministeriums. Ist eine Park&Ride-Anlage gebührenfrei, müsse der Autofahrer die Fahrt plausibel erläutern.