Subversion als Strategie

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

So, 25. August 2019

Basel

Der Sonntag Basel wird kommende Woche zum Marktplatz für den Nachwuchs der freien Szene .

Das Festival Treibstoff in Basel ist für seine experimentellen Formate bekannt. Und Performances wie die von Maximilian Hanisch und Sarah Methner "Wer hat Angst vor Niketown?", die am 27. August in der Reithalle der Kaserne Basel Premiere hat. Es wird um Konzerne, ihre Marketingstrategien und Politik als Pose gehen.

Während sich Maximilian Hanisch und Sarah Methner Gedanken über ihre Produktion "Wer hat Angst vor Niketown?" machten, hatte der Sportartikelhersteller gerade ein kontroverses Werbevideo veröffentlicht. 2018 war das Gesicht der Marke Colin Kaepernick. Bevor man den Football-Star sieht, ziehen Skateboarder, Boxer, Mannschaftssportler vorbei. Sie eint, dass sie von der weißen männlichen Norm abweichen. Sie sind gehandicapt, schwarz, weiblich. Dann dreht sich der Mann mit dem Afro um. Es ist Colin Kaepernick, jener Footballstar, der mit der "Take a knee"-Kampagne auf sich aufmerksam machte. Bei der Hymne, die regelmäßig vor Spielen gesungen wird, kniete er, um an Rassenungleichheit zu erinnern. Natürlich brachte das Donald Trump auf den Plan. Seit 2017 steht Kaepernick bei keinem Club mehr unter Vertrag. "Glaube an etwas. Selbst wenn es heißt, alles dafür zu opfern", sagt er im Spot. Am Ende ist eine erleuchtete Straße zu sehen, auf die Hochhäuser sind die Porträts von Sportlern projiziert. Wer im Sport außergewöhnliche Leistungen erreicht, wirkt in die Stadt, in unsere Gesellschaft hinein.

Früher schon, so erzählen Maximilian Hanisch und Sarah Methner, hatte Nike den öffentlichen Raum als Abenteuerplatz inszeniert. Um die Jahrtausendwende hatte das amerikanische Unternehmen die Berliner Bolzplätze als Terrain für seine Imagewerbung entdeckt. "Die Freiheit liegt hinter Gittern" hieß die Kampagne damals. "Nikes Image ist der Widerstand", hatte der Autor und Designtheoretiker Friedrich von Borries 2004 in seinem Aufsatz "Berlin auf dem Weg nach Niketown" geschrieben. Methner, die 1988 in Berlin geboren wurde und in Berlin Weißensee Bühnenbild studiert hat, erinnert sich an die Aktion. "Wer hat Angst vor Niketown?" ist die dritte Arbeit von Methner und Hanisch, seitdem sie sich 2014 beim Staatstheater Braunschweig getroffen haben.

Beide wurden kurz vor der Wende in der DDR geboren. Sie sind keine Anhänger der No-Logo-Bewegung, sie tragen Markenkleidung. Sie wissen, es ist komplizierter. Einerseits ist die Taktik, aus Protestbewegungen mehr oder weniger unpolitische Gesten zu erzeugen, leicht zu durchschauen. Die politische Haltung ist Teil der Markenidentität, während gleichzeitig das Produkt unter Bedingungen hergestellt wird, die meist nicht zu vertreten sind. Wie leicht wäre es da, durch andere Arbeitsverhältnisse die Welt zu verändern. Stattdessen instrumentalisiert der Konzern soziale Bewegungen, um den eigenen Umsatz zu steigern. Andererseits ist es gut möglich, dass der Spot bei dem einen oder anderen Konsumenten einen Sinneswandel auslöst.
Hanisch und Methner wollten bei dieser komplexen Gemengelage nicht stehen bleiben. Ihnen geht es um eine Theatralisierung, daher auch der Titel des Abends, der auf Edward Albees Drama "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" anspielt. Ausgehen werden die beiden von bekannten Bildern aus der Kunstgeschichte oder berühmt gewordenen Fotos, die Protest abbilden wie etwa Eugène Delacroix Bild von der Marianne auf den Barrikaden. Nachträglich vereinnahmen sie diese sozusagen für die "Just-do-it"-Kampagne von Nike. Um die Bilder zu vergegenwärtigen, haben sie ein traditionelles Medium gewählt: das lebende Bild. Kilian Ponert, Anne Sauvageot, Fang Yun Yang sowie Elvio Yair Avila – dass das Ensemble für eine gewisse Diversität steht, war Hanisch und Methner wichtig – schlüpfen in das Bild – natürlich in Sportklamotten.

Nach heutigem Stand wird "Wer hat Angst vor Niketown?" ohne Text auskommen. Was nicht heißt, dass die Assoziationen nicht vielfältig sein werden. Und dass sie vermutlich das aufzeigen, was Sportartikelhersteller gerne ausklammern, die Nähe zu Gewalt und Militarismus.
Wer hat Angst vor Niketown?, Premiere im Rahmen des Treibstoff-Festivals am 27. August, in der Kaserne, Reithalle, 19 Uhr, weitere Vorstellungen: 30. August, 21 Uhr, 31. August, 19 Uhr.