Einzelhandel

Südbaden bleibt von Karstadt-Kaufhof-Schließungen verschont

Jörg Buteweg, Uwe Mauch und dpa

Von Jörg Buteweg, Uwe Mauch & dpa

Fr, 19. Juni 2020 um 19:12 Uhr

Wirtschaft

Deutschlands letzte große Warenhauskette will 62 der 172 Filialen und zwei Schnäppchencenter schließen. Rund 6000 Mitarbeiter dürften ihre Stelle verlieren – aber nicht in Südbaden.

"Es ist eine riesige Erleichterung, dass die Region nicht betroffen ist." Markus Klem, Verdi
Deutschlands letzter großer Warenhauskonzern will 62 Filialen in 47 Städten schließen. Rund 5300 von 28 000 Mitarbeiter verlieren den Arbeitsplatz. Für die Beschäftigten ist das eine Hiobsbotschaft und für die Kommunen ein tiefer Einschnitt. Südbaden kommt glimpflich davon. Die vier Häuser in Lörrach, Offenburg und Freiburg (2) bleiben geöffnet. Damit sind rund 480 Arbeitsplätze gerettet.

"Es ist eine riesige Erleichterung, dass die Region nicht betroffen ist", sagte Markus Klemt von der Gewerkschaft Verdi der Badischen Zeitung. Er hatte Sorge, dass die Firmenleitung einen der beiden Standorte in Freiburg dichtmachen würde. Schließlich sind die Karstadt- und die Kaufhof-Filiale nur wenige hundert Meter voneinander entfernt.

Freude für die Mitarbeitenden der Freiburger Häuser

Besonders für die Beschäftigten freut sich Freiburgs Oberbürgermeister Martin Horn. "Die beiden Kaufhäuser prägen seit Jahrzehnten die Innenstadt mit und tragen zur Attraktivität und Lebendigkeit der City bei." Horn hofft auf innovative Schritte, die nach der Sanierung des Gesamtunternehmens die Warenhauskultur in die Zukunft führen. "Der Kelch scheint an uns vorbeigegangen zu sein", sagte die Freiburger Wirtschaftsförderin Hanna Böhme von der städtischen Freiburg, Wirtschaft, Touristik und Messe GmbH. So traurig es für die zu schließenden Häuser bundesweit sei, so freue sie sich für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Standort Freiburg.

Gesamtbetriebsrat und Gewerkschaft ist es nach Aussage von Verdi-Mann Klemt auch gelungen, den geplanten Abbau von zehn Prozent der Belegschaften in den erhaltenen Filialen wegzuverhandeln. Dadurch seien bundesweit rund 1000 Arbeitsplätze gerettet worden. Klemts Angaben nach arbeiten in Lörrach 121 Beschäftigte, in Offenburg 75 und in den beiden Freiburger Häusern je 140 Mitarbeiter. Geschlossen wird hingegen die Karstadt-Filiale in Singen, rund 80 Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz. In Baden-Württemberg sind außerdem Göppingen, Leonberg, Mannheim und Stuttgart-Bad Cannstatt betroffen.

Einziger Trost: Es gibt eine Transfergesellschaft. Wer bei Galeria Karstadt Kaufhof keine Zukunft hat, kann in die Transfergesellschaft wechseln, ist damit nicht arbeitslos und kann sich neu orientieren. "Das ist ein Erfolg, das ist uns bei der Schlecker-Pleite nicht gelungen", freut sich Klemt. Der österreichische Eigentümer René Benko habe dafür einen Millionenbetrag zur Verfügung gestellt, berichtete der Gesamtbetriebsrat.

Außerdem bleibt der im Dezember 2019 vereinbarte Integrationstarifvertrag in Kraft. Die Mitarbeiter verzichten darin für die nächsten Jahre auf Lohn. Von 2025 an soll wieder der reguläre Tarifvertrag gelten. Wenn in der Zwischenzeit in Tarifverhandlungen Lohnerhöhungen vereinbart werden, bekommen die Mitarbeiter zwar nicht mehr Geld, aber laut Klemt immerhin einen Freizeitausgleich.

Unklar ist, wie es für Karstadt-Sports weitergeht

Es sei auch vereinbart worden, dass Leiter und Beschäftigte in den einzelnen Filialen mehr Einfluss auf die Gestaltung des Sortiments bekämen, sagte Klemt. Allzu oft habe die Zentrale in der Vergangenheit den Bedarf in den Regionen falsch eingeschätzt. Neben den Warenhäusern und zwei Schnäppchencentern werden nach Angaben des Gesamtbetriebsrats auch 25 Reisebüros geschlossen. Noch offen ist das Schicksal der Karstadt-Sports-Häuser. Hier gelten mehr als zwei Drittel der rund 30 Filialen als gefährdet.

Die Geschäftsführung von Galeria Karstadt Kaufhof bezeichnete die Maßnahmen als unvermeidlich. Ursprünglich hatte die Geschäftsführung sogar bis zu 80 Geschäfte dicht machen wollen. Galeria Karstadt Kaufhof war durch die pandemiebedingte Schließung aller Filialen in eine Krise geraten und hatte Anfang April Rettung in einem Schutzschirmverfahren suchen müssen. Galeria Karstadt Kaufhof rechnet durch die Pandemie und den durch sie ausgelösten Konjunkturabschwung bis Ende 2022 mit Umsatzeinbußen von bis zu 1,4 Milliarden Euro.

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