Die Ruhe vor dem Mord

Was treibt eine Juristin in den Amoklauf?

Stefan Hupka

Von Stefan Hupka

Di, 21. September 2010 um 09:30 Uhr

Südwest

Sie war psychisch angespannt, stritt sich mit ihrem Ex-Mann und besaß als Sportschützin legal Schusswaffen: Das Bild der Amokläuferin von Lörrach bekommt immer mehr Konturen.

Diese Ruhe. Das ist das, was Ernst Barth am meisten irritiert. Die Ruhe, mit der die Frau die Straße überquert. Sie rennt nicht, sie geht nur. Modisch gekleidet, so hat er sie in Erinnerung, rote Jacke, schwarze Hose, die Handtasche über der linken Schulter, die rechte Hand hängt herab, es ist die Hand mit der Waffe.

Kurz zuvor hat es geknallt, "wie ein kleines Feuerwerk", so beschreibt der 69-Jährige aus Rümmingen die Geräuschkulisse. Dann eine große Explosion. Sekunden später steht das Mehrfamilienhaus in der Markus-Pflüger-Straße 22 in der Innenstadt von Lörrach in Flammen.

Es ist ein ruhiges Viertel an einem – bis dahin – ruhigen Abend in einer kleinen Stadt, eine tief stehende Spätsommersonne strahlt durch große Laubbäume. Soeben ist eine Straße weiter das Grillfest der Baptistengemeinde ausgeklungen, man geht zu den Autos, will heimfahren – als die Detonation das Viertel erschüttert.

Neugierig, aber auch alarmiert nähern sich Ernst Barth und der Pastor der Gemeinde, Jürgen Exner (48), der Straßenecke. Da sieht Ernst Barth die Frau. Und er sieht die Pistole. "Werfen Sie die Pistole weg", ruft er. Die Frau schaut ihn an, zielt direkt auf sein Gesicht. Er hört einen Knall, duckt sich, spürt, wie ihm das Blut von der Stirn rinnt. Er hört einen zweiten Knall, der gilt dem Pastor. Der geht zu Boden, ist im Rücken getroffen.

Da wendet sich die Frau, nun schon etwas schneller, der Einfahrt und dem Haupteingang des St.-Elisabethen-Krankenhauses zu. "Vorsicht", ruft ...

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