Leute in der Stadt

Tamkin Ishagzai erhält das Schülerstipendium "Talent im Land"

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Fr, 08. November 2019 um 07:36 Uhr

Freiburg

Unter 300 Bewerbern aus dem Land wurden 50 ausgewählt. Die 15-Jährige ist eine von ihnen - und das trotz schwieriger Lernbedingungen: Sie lebt mit ihrer Familie in einer Flüchtlingsunterkunft.

Als Tamkin Ishagzai (fast 16) erfahren hat, dass sie als eine von vier Jugendlichen aus Freiburg heute in Stuttgart offiziell ins Schülerstipendium "Talent im Land" aufgenommen wird, hat sie sich riesig gefreut. Bis zum Abitur erhält sie dank des Programms der Baden-Württemberg-Stiftung und der Josef-Wund-Stiftung150 Euro im Monat. Das kann sie gut brauchen. Denn Tamkin Ishagzai hat schwierige Lernbedingungen: Sie lebt mit ihren Eltern und fünf kleinen Geschwistern in der Enge der Flüchtlingsunterkunft am Kappler Knoten.

Einer ihrer Lehrer am Walter-Eucken-Gymnasium hat Tamkin Ishagzai auf das Stipendium hingewiesen. Es richtet sich an begabte Jugendliche in benachteiligten Lebensverhältnissen. Unter 300, die sich beworben haben, wurden 50 ausgewählt, erzählt Tamkin Ishagzai.

Wie motiviert und begabt sie ist, hat sie längst bewiesen: Vor drei Jahren ist sie mit ihrer Familie aus Afghanistan geflüchtet, seitdem hat sie nicht nur fließend Deutsch gelernt, sondern hat es von den internationalen Vorbereitungsklassen bis in die zehnte Regelklasse am Walter-Eucken-Gymnasium geschafft. Sie musste viel nachholen, vor allem in den Naturwissenschaften und in Englisch. Doch das war kein großes Problem: "Lernen macht mir immer Spaß", sagt sie. Dabei ist es sicher sehr hilfreich, dass ihre Eltern großen Wert auf die Bildung von ihr und den fünf Geschwistern legen.

In der Heimat lauerten überall Gefahren durch Bomben und Raketen

In Kabul, wo Tamkin Ishagzai im Dezember 2003 geboren wurde und aufgewachsen ist, ging sie in ein privates Gymnasium. Obwohl sie ihr Leben lang nichts anderes kannte als Krieg und die Schulwege gefährlich waren, wäre es für ihre Eltern nie in Frage gekommen, sie aus der Schule zu nehmen, wie das bei manchen anderen afghanischen Eltern speziell bei Töchtern üblich sei, sagt Tamkin Ishagzai.

Doch die Lage spitzte sich immer mehr zu. Überall lauerten Gefahren durch Bomben und Raketen, in die Schule ihres Bruders kamen die Taliban, und eines Nachts wurden sie zu Hause von Männern mit Pistolen bedroht, erzählt Tamkin Ishagzai. Wenn sie daran denke, fange sie immer noch an zu zittern – ähnlich wie bei der Erinnerung an die wochenlange Flucht übers Meer auf einem kleinen, vollen Boot, mit Bussen und Zügen und weiten Strecken zu Fuß.

In Freiburg: endlich Sicherheit

Als sie in Deutschland waren und von Wertheim nach Freiburg kamen, war da viel Erleichterung: endlich Sicherheit. Das ist so geblieben, auch wenn das neue Leben keineswegs leicht war: Zuerst war Tamkin Ishagzai mit ihrer Familie monatelang in der Stadthalle untergebracht, wo es auch nachts laut war, so dass es kaum möglich war zu schlafen.

Inzwischen wohnen die Ishagzais in vier Zimmern in einem der Wohncontainer am Kappler Knoten. Auch dort ist es laut, sagt Tamkin Ishagzai. Sie teilt sich ihr Zimmer mit den fünf Geschwistern und träumt von einer normalen Wohnung.

Lernen kann sie in der Enge zu Hause nicht, sie geht viel in die Stadtbibliothek. Ihre Eltern machen Deutschkurse, der Vater hofft, dass er bald wieder in seinem Beruf als Elektriker arbeiten kann. Wenn Tamkin Ishagzai an Kabul denkt, hat sie Heimweh und vermisst ihre Verwandten und Freunde. In Deutschland sei es schwer, mit den Menschen in Kontakt zu kommen, findet sie. Doch sie ist fest entschlossen, alle Chancen, die sie hier hat, zu nutzen – und dazu gehört als Erstes das Abitur, danach wahrscheinlich ein Studium.

Ihr Vorbild ist Malala Yousafzai

In ihrem künftigen Beruf will sie mit Menschen zu tun haben. Und irgendwann will sie unbedingt "etwas für Frauen tun" – ihr großes Vorbild ist Malala Yousafzai, die bekannte Mädchenrechtsaktivistin aus Pakistan.

In ihrer Freizeit hört Tamkin Ishagzai gern Musik: "Egal welche – sie beruhigt mich." Sie hat mit dem Gitarrespielen angefangen und würde gern Fußball spielen. Den Vereinsbeitrag, Gitarrenunterricht und Schulmaterial will sie mit dem Stipendium finanzieren. Samstags engagiert sie sich und übt mit Kindern in einer Moschee in Zähringen das Lesen im Koran. Ihre Religion, der Islam, ist ihr wichtig.