Medizin und Forschung

Tierversuche: Notwendiges Übel oder unnötige Quälerei?

Stefan Hupka

Von Stefan Hupka

Sa, 14. Juli 2018 um 19:07 Uhr

Bildung & Wissen

BZ-Plus "Affenquäler" nennen Demonstranten Forscher, die an Tieren experimentieren. Doch die wehren sich: Ohne Tierversuche kämen Medizin und Forschung nicht aus. Ändert sich das bald?

An das erste Mal erinnert er sich mit Schaudern. Im Studium war das, da musste Heinz Köhler einen Tausendfüßler "dekapitieren" – ein feineres Wort für köpfen. Für angehende Zoologen ist das Forschungsalltag. Wie soll man Innenleben und Funktionsweise von Tieren kennenlernen – ohne Anatomie? Das Wort kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet Aufschneiden. In dem Moment, da Köhler den noch lebenden Tausendfüßler aufschnitt, war dieser tot – theoretisch. Praktisch aber hat sich der Rumpf "noch eine ganze Weile weiterbewegt", wie das bei wirbellosen Tieren manchmal so ist. Der Anblick hat den Studenten mitgenommen – bekennt der Hochschullehrer, der er heute ist. "Ich habe mich trotzdem entschieden, weiter Tierversuche zu machen", sagt Köhler, "weil ich überzeugt bin, dass das sinnvoll ist."

Statements, Demos, Morddrohungen: Das Thema Tierversuche regt viele Menschen auf
Das sehen nicht alle so. Und von denen, die es so sehen, sind nicht alle so mutig, sich dazu zu bekennen wie Köhler, 54 Jahre alt und Professor für Physiologische Ökologie der Tiere in Tübingen. Gerade hier, in der Universitätsstadt am Neckar, ist das seit Jahren ein Reizwort ersten Ranges: Tierversuche. Es hat Demonstranten mobilisiert, die wieder und wieder samstags durch die hübsche Innenstadt gezogen sind, schlimme Bilder hochhaltend, auf denen man gequälte Kreaturen sieht. Es hat Stadtrat, Landesverwaltung, Regierung und Parteien umgetrieben. Und es hat einen Forscher in die Flucht geschlagen, der am Pranger stand, gar Morddrohungen bekam und sich von seinem Arbeitgeber, der Max-Planck-Gesellschaft, im Stich gelassen fühlt: Nikos Logothetis.

"Affenquäler" riefen Demonstranten, "Unterstellung" sagen die Forscher
Die Macht der Bilder war es, die dem Neurowissenschaftler zum Verhängnis geworden ist – und die Macht der Missverständnisse. Eine "Soko Tierschutz" hatte einen Aktivisten als Tierpfleger in das Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik eingeschleust, der machte heimlich Fotos von Versuchstieren in der Abteilung des Professors. Er gab sie ans Privatfernsehen, das sie zu düsterer ...

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