TIPPS DES MONATS

Ingrid Mylo

Von Ingrid Mylo

Sa, 20. Februar 2021

Literatur & Vorträge

Traumverwehungen

Haruki Murakami: Erste Person Singular. Erzählungen. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont Verlag, Köln 2021. 217 Seiten, 22 Euro.

Eine Person erinnert sich: Und weil die Person ein Mann ist, ist es eine Frau, an die er, mit Lust, mit Unbehagen, zurückdenkt. Oder ein sprechender Affe, der ihm in einem abgelegenen Ryokan von Frauen erzählt: Die einzige Möglichkeit, seine Angebeteten zu besitzen, ist für das Tier, ihnen ihre Namen zu entwenden. Und sie wissen nicht mehr, wie sie heißen. Das Rätselhafte ist bei Murakami gut aufgehoben, ob er von Baseball schreibt, Liebe, Selbstmord, Zufall oder Musik. Ihn zu lesen ist ein wenig, als schritte man durch Traumverwehungen. Die Realität verzieht sich wie Holz bei Temperaturänderungen und hängt schief in den Angeln: Durch den Spalt dringt etwas in den Raum, das den Schatten beunruhigende Dimensionen verleiht. Fehlfunktionen

Martine Bijl: Königin außer Dienst.
Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing. Zsolnay Verlag, Wien 2021. 131 Seiten, 19 Euro.

Eine Hirnblutung aus heiterem Himmel: Und das Leben der berühmten Moderatorin Martine Bijl ist ein Scherbenhaufen. Alles, was sie gekonnt, alles, was sie gewusst hat, ist nur noch bruchstückhaft vorhanden. Mühsam versucht sie, die Oberhand zu gewinnen, und muss lernen, dass ihr Wille wenig hilft, muss lernen, mit ihren gesammelten Unfähigkeiten umzugegehen, mit ihrer aufkeimenden Depression, ihren Halluzinationen, körperlichen Fehlfunktionen, brüchigen Erinnerungen. Sie hält sich, soweit es geht, mit Witz über Wasser, wenn die Tränen fließen. Und schreibt darüber mit beeindruckender Klarheit, unbeirrt, als gäbe es kein Zurück. Das gibt es tatsächlich nicht. Ein Jahr nach Erscheinen des Buches stirbt Martine Bijl "an den Folgen der Krankheit". Himmelsschwärze

Danielle McLaughlin: Dinosaurier auf anderen Planeten. Erzählungen. Aus dem Irischen von Silvia Morawetz. Luchterhand Verlag, München 2021.
251 Seiten, 20 Euro.

Sie hatten sich von ihrem Leben anderes erhofft als ein Glas mit toten Schmeißfliegen, denen von einer "zurückgebliebenen" Cousine die Flügel ausgerissen wurden. Etwas anderes als Demütigungen, verstohlene Affären und Vorstellungen von Gewalt. Oder eine heruntergekommene Nerzfarm: Die Tochter muss für das Futter mit ihrem Körper bezahlen. In McLaughlins elf erschütternd schönen Erzählungen erfahren die Frauen, die Männer, die Kinder, wie unendlich allein ein jeder ist unter der Schwärze des Himmels. Manchmal bleibt ihnen immerhin der Trost, "sich gemeinsam zu fürchten". Und das Blau, das an so vielen Stellen aufschimmert (in Form einer Reisetasche, eines Teddybären, eines Zwirnsfadens) wie Scherben eines früheren Glücks.