Buchautor Viktor Staudt

Überlebender eines Suizidversuchs: "Die Einsamkeit ist letzten Endes tödlich"

Lisa Böttinger, Stefan Hupka, Patrik Müller

Von Lisa Böttinger, Stefan Hupka & Patrik Müller

Sa, 13. April 2019 um 14:38 Uhr

Gesundheit & Ernährung

BZ-Plus Viktor Staudt wollte sich 1999 das Leben nehmen, indem er vor einen Zug sprang. Im Interview erklärt er, wie es soweit kommen konnte – und wie er zurück ins Leben fand.

Warum haben Menschen so viel Angst davor, sich zu öffnen, dass sie sich lieber umbringen? Wie kann man das erkennen und vielleicht verhindern? Viktor Staudt (50) hat im Alter von 30 Jahren einen Schienensuizidversuch überlebt und darüber 2014 ein Buch geschrieben.

BZ: Herr Staudt, wenn Ihnen am Bahnsteig jemand auffällt, der vielleicht gefährdet ist – was würden Sie ihm sagen?
Staudt: Wenn ich die Chance hätte, das zu erkennen, würde ich sagen: Ich kenne dich nicht, und was du vorhast, geht mich auch nichts an. Aber du sollst wissen, du bist mit deinem Problem nicht allein.

BZ: Ist das Alleinsein das Problem?
Staudt: Ja, das ist es. Ich bin kein Therapeut, habe aber mit vielen Leuten gesprochen. Und immer wieder stelle ich fest: Menschen, die ein Problem haben – sagen wir, eine Angst- oder Persönlichkeitsstörung – gehen durchaus auf die Suche nach Hilfe. Aber aus irgendeinem Grund klappt das dann nicht, sie treffen nicht den richtigen Arzt oder trauen sich zwar, einen Kollegen anzusprechen, doch der reagiert blöd. Und dann traut man sich nicht noch einmal. Was folgt, sind Einsamkeit, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit. Die Einsamkeit ist letzten Endes tödlich.

BZ: Wären Sie an jenem 12. November 1999 am Bahnhof Amsterdam RAI ansprechbar gewesen?
Staudt: Ich glaube nein. Als ich Jahre später wieder dort war, hat eine Journalistin mich das auch gefragt: Was würdest du tun, wenn du dich dort sähest. Meine Antwort: Ich würde nicht viel sagen, ich würde mich einfach nur umarmen.

BZ: Eigentlich gibt es sehr viele Hilfsangebote, warum erreicht das die Betroffenen nicht?
Staudt: Es ist noch immer ein Tabu. Wenn jemand einen Infekt hat, geht er zum Arzt und spricht es an. Wenn jemand seit Monaten eine Depression hat, wird er sich nicht so einfach mitteilen. Man probiert es zaghaft einmal, zweimal. Wenn es aus irgendeinem Grund schiefläuft, dann wächst die Einsamkeit – also die fixe Idee: Ich kann mit niemandem reden, keiner versteht mich. Das führt in eine Sackgasse. Deshalb ist meine Botschaft an den, der am Gleis steht: Du bist nicht allein mit deinem Problem. Und um dein Problem zu beenden, musst du nicht dein Leben beenden.
Erfahrungsbericht (2006): Wie ein Lokführer einen Suizid erlebt hat
BZ: Haben Sie deshalb auch das Buch geschrieben?
Staudt: Ja. Ich wollte Menschen, die heute in einer ähnlichen Lage sind wie ich damals, die Möglichkeit geben, sich ...

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