Überraschendes von den Orgeln

Anna Uhlmann

Von Anna Uhlmann

Mo, 23. September 2019

Rheinfelden

Großes Interesse bei den Zuhörern in Herten am Spiel an drei verschiedenen kirchlichen Orten.

RHEINFELDEN-HERTEN. Bereits 1879 wurde die erste Niederlassung des St. Josefshauses, das von Karl Rolfus erworbene Bauernhaus "Maria Hilf", eingeweiht. Nun galt: Drei Orte, drei Orgeln, drei Organisten. Denn am vergangenen Freitag lud das St. Josefshaus anlässlich seines 140-jährigen Jubiläums zum Orgelspaziergang durch Herten ein.

Das Sechs-Uhr-Läuten der Kirchenglocken St. Urbans begleitete die Ankunft zahlreicher Spaziergängern im Ortskern von Herten. Nachdem sich das Publikum im Schiff der katholischen Kirche niedergelassen hatte, herrschte gespannte Stille. Doch als die ersten Töne von Orgel und Violine den Raum erfüllten, schien das Publikum überrascht aufzuatmen.

Was da zu hören war, klang nicht wie altbekannte Kirchenmusik. Stattdessen spielten Christoph Dürdoth an der Orgel und Stefan Nottbrock auf der Violine vier Titel aus der von Andrew Lloyd Webber komponierten Rockoper "Jesus Christ Superstar". Anfangs lebhaft und fröhlich tänzelnd, später balladenartig und zum Ende hin dramatisch ertönte das Duett und beeindruckte musikalisch wie emotional mit berührender Ausdruckskraft.

Versunken, aber konzentriert wurde gelauscht, teilweise die eine oder andere Träne vergossen. Für dieses ganz andere Erlebnis von Orgelmusik wurden Dürdoth und Nottbrock mit "Standing ovations" und langem Applaus entlohnt, bevor es zu Fuß auf zur nächsten Orgel ging.

Mit den letzten Sonnenstrahlen des Tages kamen die Spaziergänger in der evangelischen Petruskirche an. Hier führte Bettina Riedl mit Liedern aus England, Wien, Frankreich und Deutschland auf eine musikalische Reise durch Europa. Doch nicht nur die hohen und feinen Töne der Orgel, auch die heiteren Singstimmen der rund einhundert Anwesenden waren zu hören. Anders als die mächtige Orgel in St. Urban überzeugte das Instrument der Petrusgemeinde durch sanfte und helle Klänge. "Da hört man den Unterschied zwischen den kleinen und großen Pfeifen", meinte Riedl, die in letzter Minute für die krankheitsbedingt verhinderten Musiker Rainer Marbach und Dirk Amrein eingesprungen war. Besonders wichtig war der Organistin, "dass die Leute die Gemeinschaft spüren und mit guter Laune rausgehen". Dieses Ziel wurde auch organisatorisch sichtbar, wann immer Kassian Burster-Hake humorvoll und informativ durchs Programm führte.

Orgelspaziergang versüßt den Abend

Die Endstation des Orgelspaziergangs bildete die Kirche des St. Josefshauses. Hier lud Irmtraud Tarr schwungvoll alle Neugierigen auf die Empore ein, denn "Sie haben Glück, hier oben kann man nebenbei noch meine goldenen Schuhe sehen". Tarr entlockte nicht nur den Anwesenden lachende und verblüffte Gesichtsausdrücke, sondern auch der mächtigen Kirchenorgel verschiedenste Klangfacetten. Los ging es mit einer Fanfare, bei der die Organistin von ihrem Mann am Schlagwerk begleitet wurde. So gewaltig dröhnte die Orgel, dass die Trommelschläge daneben fast trotzig wirkten.

Im einen Moment verwandelte sich die Kirche in einen riesigen Dom, im nächsten wippten die Füße der Zuhörer schon wieder im Takt leichter Rhythmen und fröhlicher Töne. Passend zur fortschreitenden Dämmerung spielte Irmtraud Tarr ein sanftes "Werk für Schlaflose". Sie beendete ihr Orgelspiel aber nach anhaltendem Beifall mit heiter-sprunghaften Klängen aus "Colonel Bogey". Beim anschließenden, gemütlichen Umtrunk zeigte sich noch einmal die Vielfalt des großen Publikums: Da kamen Menschen unterschiedlicher Konfessionen und Altersstufen, Menschen mit und ohne geistige oder körperliche Beeinträchtigung.

Und alle sprühten sie vor guter Laune und ließen sich mitreißen und berühren von den Klängen der drei Orgeln. Die strahlenden Gesichter spiegelten als Fazit: "Dieser Spaziergang hat uns wahrlich den Abend versüßt."