Neue Bahn auf alten Gleisen

Verbände wollen Bahnstrecken im Südwesten wiederbeleben

Hannes Koch und Theresa Steudel

Von Hannes Koch & Theresa Steudel

Mo, 20. Mai 2019 um 18:59 Uhr

Südwest

Politische Entscheidungen können sich als falsch erweisen. Eine solche zu revidieren, fordern zwei Verbände, die sich für den Bahnverkehr einsetzen.

Allianz pro Schiene und der Verband deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) plädieren dafür, stillgelegte Nahverkehrs- und Güterstrecken wieder in Betrieb zu nehmen und Lücken im Bahnverkehr zu schließen. Ihre Liste umfasst 186 Projekte, darunter vier in Südbaden.

Zwei Reaktivierungen sehen die Verbände als unproblematisch: Die Strecke zwischen Haltingen und Kandern, auf der gelegentlich die historische Kandertalbahn fährt, könnte für den Personenverkehr reaktiviert werden, um bestehende Verkehrswege zu entlasten. Auch der eine, nach dem Zweiten Weltkrieg stillgelegte Kilometer bei Breisach auf der Strecke zwischen Freiburg und Colmar sei ohne Aufwand für den Personenverkehr zügig wieder reaktivierbar. Das Projekt Freiburg-Colmar wird auch von Politikern aus Deutschland und Frankreich unterstützt. Es könnte ein Baustein der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit werden. Die Finanzierung des bis zu 270 Millionen Euro teuren Projekts ist aber noch unklar.

Mehr Aufwand bringt die Strecke St. Louis-Weil am Rhein mit sich, die für den Güterverkehr wiederhergestellt werden könnte. Sie wurde 1937 stillgelegt, das Elsass müsste noch angebunden werden. Weil aber so eine fehlende grenzüberschreitende Verbindung hergestellt werden könnte, sehen die Verbände die Priorität als hoch. Für Güter- und Personenverkehr nur zu prüfen sei die Strecke zwischen Schopfheim und Bad Säckingen. Die Wehratalbahn ist seit 1994 endgültig stillgelegt und voraussichtlich nur mit hohem Bauaufwand zu realisieren, da Teile der 20 Kilometer langen Strecke rückgebaut oder verkauft wurden beziehungsweise aufwendig saniert werden müssten. Das baden-württembergische Verkehrsministerium prüft derzeit, ob es sich lohnt, die Wehra- und Kandertalbahn zu reaktivieren. 2020 sollen Ergebnisse vorliegen.

"Zunehmend werden stillgelegte Verbindungen reaktiviert, weil die Bürger für ihre Fahrten und Unternehmen für ihre Gütertransporte den Eisenbahnverkehr wollen", sagt Dirk Flege, der Geschäftsführer der Allianz, in der unter anderem Umweltverbände mit Bahnfirmen kooperieren. Die Bahn-Verbände unterbreiten ihre Vorschläge auch deshalb jetzt, weil die Bundesregierung den Bahnverkehr verbessern will und dafür Geld in die Hand nimmt. Denn der steigende Verkehr bringt das bisherige System an seine Grenzen. 3000 neue Kilometer würden das gesamte deutsche Schienennetz um rund acht Prozent aufstocken, wie der VDV berechnet hat. Wie viele dieser Kilometer in den kommenden Jahren in die konkrete Planung einfließen, bleibt abzuwarten. Geht es nach den beiden Organisationen, soll der Bund die Erneuerung der Infrastruktur bezahlen, die Länder die Planung. Im Bundesverkehrswegeplan sind die Projekte bislang nicht enthalten.

Das Bundesverkehrsministerium reagierte am Montag reserviert: "Eine Reaktivierung ist nur bei verkehrlicher Nachfrage sinnvoll" – wenn also die Länder die entsprechende Verkehrsleistung bestellten. "Stillgelegte Strecken müssen zudem geeignet sein, Engpässe in anderen Teilen des Netzes auszugleichen. Dies ist zum Teil aufgrund der Lage und Ausstattung nicht der Fall."

Viel wird darauf ankommen, ob die Pläne Rückhalt im Bundestag finden. CSU-Verkehrspolitikerin Daniela Ludwig sagte gegenüber der BZ: "Bahnstrecken, die vor vielen Jahren stillgelegt wurden, weil seinerzeit kein Bedarf mehr bestand, können unter heutigen Gesichtspunkten ganz anders beurteilt werden. " Die Vorschläge der Verbände sollten daher jeweils im Einzelnen ernsthaft geprüft werden.

Manche der Strecken ließen sich relativ leicht reaktivieren, sagte VDV-Präsident Ingo Wortmann, zum Teil mit recht geringen Investitionen für die Modernisierung. Schwieriger sei es dort, wo die Gleise abgebaut wurden. Wenn heute beispielsweise ein Fernradweg auf dem alten Bahndamm verläuft, haben viele Nutzer vermutlich kein Interesse daran, das Rad der Verkehrspolitik einfach wieder zurückzudrehen.