Vor dem Landgericht

Verbrechensopfer trifft in Freiburg erstmals auf seine Lebensretter

Bernd Peters

Von Bernd Peters

So, 08. September 2019 um 09:27 Uhr

Freiburg

Der Sonntag Heinrich M. hat im Zeugenstand vor dem Freiburger Landgericht, zwei Jahre nachdem er in Düsseldorf auf die Gleise einer S-Bahn gestoßen wurde, seine Retter getroffen: zwei junge Männer aus Eritrea.

Heinrich M. (Name geändert) macht keinen Hehl daraus: Die Polizei in Düsseldorf sei "sehr schweigsam" ihm gegenüber gewesen. Dabei hätte er sich doch gern bedankt. Das sei doch das Mindeste, wenn einem jemand das Leben gerettet hat. Vor zwei Jahren und sechs Wochen wurde er in Düsseldorf-Unterrath auf die S-Bahngleise gestoßen. Am Freitag hat der 75-Jährige nun seine Retter getroffen: Thomas K. (31) und Eremias K. (25) aus Eritrea. Sie wollen lieber unbekannt bleiben.

Stoß von der Bahnsteigkante hat das Leben des einst rüstigen Mannes massiv verändert

Heinrich M. hat kaum Erinnerungen an den Vormittag des 24. Juli 2017. Er stand am Bahnsteig, ganz für sich, da er "nicht gern in einer Menschentraube" stehe, so der Mann im Zeugenstand vor der 16. Großen Strafkammer des Freiburger Landgerichts. Aufgefallen sei ihm "eine sehr, sehr schmutzige Person", die er "nicht mit der Zange" habe anfassen wollen. Dann sei da "ein heftiger Stoß in den Rücken" gewesen. Und was danach war, wisse er nicht mehr. Die Notoperation, bei der sein gebrochenes Becken zusammengeflickt wurde, die Verletzungen am Kopf, den Verdacht auf innere Verletzungen. Alles weg. Es folgten vier Wochen Klinik und drei Wochen Reha, in denen er wieder laufen lernen musste. Der Stoß von der Bahnsteigkante hat das Leben des rüstigen ehemaligen Leichtathleten massiv verändert. Immerhin könne er vernünftig schlafen, so Heinrich M., aber lange Spaziergänge oder Touren mit dem Rad seien nicht zuletzt aus Angst und Unsicherheit nicht mehr drin. Er sei "ein Schatten meiner selbst" seitdem.

Angeklagter hat zu den schwereren Tatvorwürfen "eine andere Sichtweise"

Der Düsseldorfer ist nur einer von zig Geschädigten des in Köln geborenen Angeklagten Mike V. (50, Name geändert): Der hoch aufgeschossene, schlanke Mann mit dem stechenden Blick ist wegen rund 50 Delikten aus den Jahren 2015 bis 2017 angeklagt. Die Staatsanwaltschaft will seine dauerhafte Unterbringung in der Psychiatrie erreichen. Denn Mike V. ist schizophren. Er leidet seit Jahrzehnten phasenweise unter Wahnvorstellungen und ist überzeugt, ein buddhistischer Tulku zu sein, ein wiedergeborener Lehrmeister. Selbst der Dalai Lama wisse das seit seinem Besuch in Freiburg, den Mike V. mit vorbereitet haben will.

Zig Zechprellereien in und um Freiburg, wo er seit den 1990ern lebt, geschnorrte Taxifahrten ins Bordell, Diebstahl, Betrug, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, eine Würgeattacke auf einen Mitgefangenen und ein Angriff mit dem PKW gegen das Auto eines anderen Mannes, weil dieser ihm keine Zigarette geben wollte, listet die Anklage unter anderem gegen den Mann auf. Die Zechprellereien und Taxifahrten gibt er zu. Zu den schwereren Tatvorwürfen hat er meist "eine andere Sichtweise", so sein Anwalt. So sei er bei der angeblichen Attacke auf das Auto beim Einparken mit dem Fuß von der Kupplung gerutscht.

An dem Tag, als er in Düsseldorf Heinrich M. unvermittelt vom Bahnsteig stieß, war Mike V. überzeugt, im Atomkrieg und "im Neandertaler-Status" zu leben. Zuvor hatte er eigenmächtig seine Neuroleptika abgesetzt. Starke Mittel, die Wahnideen vertreiben, aber schwere Nebenwirkungen verursachen können. Mittlerweile, so Mike V., wisse er, dass es ihm besser gehe mit den Medikamenten. "Das Maß ist voll bei mir", sagt er. Deshalb habe er sich selbst verpflichtet, fünf Jahre lang Medizin zu nehmen. Der Vorfall in Düsseldorf "tut ihm unendlich leid", so Verteidiger Björn Seelbach aus Bonn. Die Entschuldigung, die er im Namen seines Mandanten anbietet, will Heinrich M. nicht annehmen: Zu sehr prägt der Stoß vom Bahnsteig auch heute noch sein Leben.

Keine Zeit zu zögern für Thomas K. und Eremias K.

Dass Heinrich M. überhaupt noch am Leben ist, hat er in erster Linie Thomas K. und Eremias K. zu verdanken: Die beiden jungen Männer, die seit ihrer Jugend in Deutschland leben und aus Eritrea in Afrika hierher geflüchtet sind, hatten am 24. Juli 2017 nicht viel Zeit nachzudenken. "Wir mussten schnell entscheiden", sagt Student Eremias K., der in Münster in Nordrhein-Westfalen lebt. Mit einem bis heute unbekannten dritten Retter, der laut Thomas K., der gelernter Drucker ist und in Ulm lebt, "wie ein Syrer oder ein Afghane" aussah, gelang es den zierlichen Männern, noch vor dem Eintreffen der verspäteten S-Bahn ins Gleisbett zu springen und den schwer verletzten, nahezu bewusstlosen Heinrich M. zurück auf den Bahnsteig zu heben. Eine Zeugin alarmierte die Rettungskräfte. Eremias K. machte mit dem Handy ein Foto des mutmaßlichen Angreifers Mike V., das er später der Polizei zeigte.

Heinrich M. kannte bis am Freitag diese Details nicht. Das Treffen mit seinen Rettern war für beide Seiten ein bewegender Moment. Und als Heinrich M. am Ende des Verhandlungstags nicht so recht wusste, wie er zum Freiburger Hauptbahnhof gelangen sollte, nahmen ihn Eremias K. und Thomas K. ein weiteres Mal in die Mitte und marschierten zusammen mit ihm los. Ein Foto für die Presse? Lieber nicht, so Thomas K., der meinte, es sei besser, "ein anonymer Held als ein bekannter Held" zu sein. Der Prozess gegen Mike V. wird in der kommenden Woche fortgesetzt und soll noch bis Mitte Oktober dauern.