Interview

"Viele Obdachlose leben auch ohne Corona in einer Art Quarantäne"

Sebastian Kaiser

Von Sebastian Kaiser

Mo, 30. November 2020 um 11:56 Uhr

Südwest

Menschen ohne Obdach treffen die Einschränkungen in der Pandemie besonders hart. Martin Schneider von der Lahrer Tageseinrichtung Café Löffel kritisiert die fehlende Lobby für Wohnungslose.

BZ: Herr Schneider, was bedeuten die Corona-Einschränkungen für das Leben obdachloser Menschen?

Schneider: Es gibt Zahlen, die zeigen, dass sich offenbar relativ wenige Obdachlose in den vergangenen Monaten mit dem Coronavirus infiziert haben. Mich wundert das nicht. Denn auch ohne Lockdown leben viele dieser Menschen sehr vereinsamt und haben wenig soziale Kontakte. Sie sind aufgrund ihrer Lebenssituation ohnehin schon in einer Art Quarantäne. Andere wiederum haben sich in kleinen Gruppen zusammengeschlossen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Für die ist es derzeit teilweise schwer, die Auflagen einzuhalten. Zum Beispiel die Mindestabstände, was mitunter zu Konflikten mit den Behörden führt.
Martin Schneider (60) ist Psychologe und leitet das Café Löffel der Diakonie mit seiner Kollegin Birgit Hügel in Lahr seit fünf Jahren.

BZ: Auch Sie sind in Ihrer täglichen Arbeit mit den Menschen von den Auflagen betroffen.

Schneider: Ja, wir haben die Zahl der Plätze in unserer Einrichtung reduzieren müssen, Abstände müssen eingehalten werden und auch die Essenszeiten sind verkürzt. Man darf sich nur noch für eine Stunde bei uns aufhalten, weshalb die Menschen in Schichten frühstücken und zu Mittag essen.

BZ: Das hört sich nach viel Aufwand an.

Schneider: Zum einen. Aber es gibt noch eine andere Seite. Was früher eine Gemeinschaftsaktion mit viel Spaß, Unterhaltung und Kommunikation gewesen ist, ist mitunter sehr einsam geworden. Das Gemeinschaftliche, das neben der Versorgung mit materiellen Dingen für viele enorm wichtig ist, droht verloren zu gehen. Viele Obdachlose klagen inzwischen verstärkt über Depressionen und ziehen sich zurück.

"Obdachlose Menschen haben in Deutschland keine große Lobby."

BZ: Glauben Sie, Politik und Gesellschaft verstehen die Folgen der Corona-Einschränkungen für Wohnungslose?

Schneider: Obdachlose Menschen haben in Deutschland keine große Lobby. Das ist ein Grundproblem, das auch wieder in der Corona-Krise deutlich wird. Das liegt auch an den zahlreichen Vorurteilen, die sich durch die Gesellschaft ziehen. In unserer Leistungsgesellschaft werden Menschen, die den Anforderungen nicht genügen, selbst dafür verantwortlich gemacht. Wer sich mit solchen Schicksalen beschäftigt, bemerkt aber sehr schnell, dass es jeden treffen kann. Unter den Menschen, die regelmäßig zu uns kommen, sind auch solche, die selbst nie damit gerechnet hätten, hier zu landen. Ehemalige Kommunalpolitiker oder Unternehmer zum Beispiel. Menschen, die durch Schicksalsschläge aus der Bahn geworfen wurden. Es ist sehr leicht, in so eine Abwärtsspirale hineinzukommen. Wieder herauszufinden, ist hingegen sehr viel schwieriger.