Interview

Warum Amazon 300 Lastenanhänger aus Kenzingen durch Manhattan rollen lässt

Jens Kitzler

Von Jens Kitzler

So, 24. November 2019 um 11:09 Uhr

Kenzingen

Der Sonntag Es begann in Freiburg mit einem Fahrradanhänger für eine Garten-Kooperative. Dann wurde ein Start-up in Kenzingen daraus – jetzt rollen hunderte Hänger aus Südbaden für Amazon durch Manhattan.

Herr Bergmann, wie entstand der Kontakt zu einem der größten Handelskonzerne der Welt?

Markus Bergmann: Ende 2018 hat Amazon über unsere Homepage eine Anfrage gestellt. Sie fragten, ob wir innerhalb von drei Tagen an einer Ausschreibung teilnehmen möchten und ob wir in der Lage wären, eine größere Stückzahl unserer Lastenanhänger zu liefern. Wir haben gesagt: "Ja, können wir." Seit Anfang 2019 fahren nun schon Carlas in Manhattan.



Welche Vorteile verspricht sich Amazon davon, wenn Konzerntochter Whole Foods mit Ihren Lastenanhängern ausliefert? Schneller vorankommen in den verstopften Straßen?


Bergmann: Mit unseren Lastenanhängern kann Whole Foods schnell und flexibel innerhalb von Manhattan ausliefern. Die Auslieferung am Autoverkehr vorbei spart Zeit und Geld. Auf den Straßen dort herrscht ein richtiger Auslieferungskampf, und der städtische Verkehr bewegt sich nicht mehr. Mit unseren Lastenanhängern liefert Whole Foods am Stau vorbei aus.

"Es ist auch eine politische Botschaft, wenn ein Riese wie Amazon auf Lastenanhänger fürs Rad setzt."
Was Amazon da macht, ist erstmal ein Pilotversuch?

Bergmann: Vermutlich. Aber die städtischen Probleme von New York sind dieselben wie in allen Megastädten. Wenn sich unser Konzept in New York bewährt, schauen wir mal, wie es weitergeht. Dass das so einschlägt, ist eine Riesenchance für uns. Und es ist auch eine politische Botschaft, wenn ein Riese wie Amazon auf Lastenanhänger fürs Rad setzt – und somit eine Alternative zum Auto nutzt.

Wie viele Carla Cargos rollen denn jetzt durch New York?
Bergmann: Zu Beginn des neuen Jahres werden es knapp 300 sein.

Angenommen, Amazon ist nach einigen Monaten Test zufrieden und will Ihre Lastenhänger auch für weitere Städte haben. Können Sie in Kenzingen noch höhere Stückzahlen bewältigen?

Bergmann: Aktuell sind wir in der Lage, rund 1000 Carlas pro Jahr zu fertigen. Wir haben personell und strukturell aufgestockt. Inzwischen haben wir vor Ort weitere Zulieferer gefunden und beziehen unsere Rahmen direkt vom Schweißroboter aus der Nachbarschaft. Die Skalierung und Organisation ist eine Herausforderung, der wir uns als Team täglich stellen.



Das spektakuläre Geschäft mit Amazon haben Sie schon vor einigen Monaten abgeschlossen, aber erstmal nicht an die große Glocke gehängt. Warum sind Sie so auffällig still geblieben?

Bergmann: Wir mussten intern so schnell skalieren und strukturieren, dass wir keine Zeit hatten, unseren Deal an die große Glocke zu hängen. Jetzt sind wir in der Lage, weitere Nachfrage zu bedienen, planen den Markteintritt in die USA für 2020 und kommunizieren den Deal nun.

Haben Sie sich dort Ihre Hänger im Einsatz schon angeschaut?

Bergmann: Nein, aber wir werden uns zeitnah ein Bild vor Ort machen. Auf der sogenannten letzten Meile geht es dort echt zur Sache. Die fahren mit einer Carla täglich 14 Stunden im Schichtbetrieb, jeder Hänger fährt rund 20.000 Kilometer im Jahr. Das will ich mir nicht entgehen lassen, auch einmal live zu sehen.

"Wir hatten bisher ein durchschnittliches Wachstum von 100 Prozent pro Jahr. Mit dem Auftrag von Amazon wird das Wachstum dieses Jahr deutlich höher ausfallen."
Warum muss ein US-Betrieb bis nach Mitteleuropa gehen, um Lastenanhänger zu finden?
Bergmann: Im Cargobike-Bereich kommen die Firmen derzeit fast ausschließlich aus Europa. Amazon hatte es wohl zuerst mit einfachen Fahrradanhängern probiert, was aber nicht so gut funktioniert haben soll. Unser Konzept mit integrierter Auflaufbremse ermöglicht den sicheren Transport schwerer Waren und ist einzigartig. Natürlich wären auch Cargobikes eine Möglichkeit gewesen, aber in Städten wie New York gibt es wenig Platz – und interessanterweise spart unser großer Lastenanhänger Platz, da er am Feierabend hochkant an der Wand geparkt wird. Ein Vorteil, den wir so vorher gar nicht gesehen haben.

Was bedeutete der Amazon-Auftrag für Ihre Firma finanziell?

Bergmann: Wir hatten bisher ein durchschnittliches Wachstum von 100 Prozent pro Jahr. Mit dem Auftrag von Amazon wird das Wachstum dieses Jahr deutlich höher ausfallen.

Auf Dauer sind Sie an den Produktionsstandort in Kenzingen ja nicht gebunden – Sie könnten auch nach Brandenburg gehen...

Bergmann: … oder in Taiwan produzieren lassen, ja. Aber so wie wir hier derzeit produzieren, können wir unserer Ansicht nach schneller und flexibler auf die wachsende Nachfrage reagieren. Ich bin privat hier verwurzelt und meine Kinder gehen hier in die Schule. Langfristig könnte es vielleicht interessant werden, direkt in den USA zu produzieren. Ich freue mich, mit der Carla eine Alternative für saubere und lebenswerte Städte hier vor Ort produzieren zu können.