Vortrag

Was ein Vulkanausbruch in mehr als 12.000 Kilometer Entfernung anrichtete

Gudrun Gehr

Von Gudrun Gehr

Fr, 06. Dezember 2019 um 11:29 Uhr

Kleines Wiesental

Klimakatastrophe vor 200 Jahren: Franziska Hirschner referiert über den Vulkanausbruch auf Tambora 1815 und die Folgen für das Wiesental.

Passend zur aktuellen Klimadiskussion hatte der Verein Krone und Kultur Kleines Wiesental (KuK) die Autorin des Aufsatzes "Wie der Vulkanausbruch auf Tambora die Entwicklung der Markgrafenstadt beeinflusste", Franziska Hirschner, zum sonntäglichen Frühschoppen eingeladen. Etwa 20 Interessierte konnten sich nun ein Bild des Infernos ausmalen, das seine Ursache im Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora am 10. April 1815 fand.

Ausbruch Tambora:
Heftige Explosionen kündigten die Haupteruption des 4300 Meter hohen Tambora an. Diese waren noch in fast 2000 Kilometern Entfernung zu hören, ein Drittel der Bergspitze mit geschätzt etwa 150 Kubikkilometern Material wurde bis zu 50 Kilometern Höhe in die Atmosphäre geschleudert. Pyroklastische Ströme rasten den Berghang hinab und rissen alles mit, was im Weg war. Der Vulkanausbruch verursachte den Tod von etwa 100.000 Menschen, er hielt noch wochenlang an und verdunkelte den Himmel. Die Energiefreisetzung entsprach der Sprengkraft von 170.000 Hiroshimabomben. 

Auswirkungen auf Europa:
Durch die Explosion gelangten bis zu 400 Millionen Tonnen Schwefelgase bis zur Stratosphäre, verbanden sich mit Feuchtigkeit zu Schwefelaerosolen und zogen dann mit dramatischen Folgen rund um den Globus, sagte Franziska Hirschner. Die globale Verdunkelung der Atmosphäre traf auf eine Kälteperiode, die ohnehin bereits 1810 eingesetzt hatte. Ab Mai 1815 machten sich die Folgen des Vulkanausbruchs auch hier bemerkbar: Das Katastrophenjahr 1816 wurde im Volksmund "Achtzehnhundertunderfroren" benannt. Ein Spätfrost vernichtete  die Obsternte, der Sommer war zu regenreich und zu kalt, der Winter setzte  zu früh ein, die Wintersaat wurde zerstört. Auch im Folgejahr fiel die Ernte aus. 

Reaktion der Menschen:
Die Bevölkerung backte  "Hungerbrote" mit  ausgepressten Leinsamen.  Nesseln, Gras, Klee, Heu und Wurzeln  kochte man zu Gemüse. Es brach Hungertyphus aus, geschlachtet wurden sogar Katzen, Hunde und Pferde. Dem wirtschaftlichen Elend, den fehlenden Arbeitsmöglichkeiten und der drückenden Steuerlast  versuchten die Menschen durch Auswanderung in scheinbar bessere Gegenden zu entgehen. Aus Süddeutschland siedelten viele mit einer Donaufahrt in die Gegend um Odessa und Tiflis im Kaukasus über.

Besserung ab 1818:
1818 normalisierten sich die Verhältnisse, die schlimmen Jahre hatten auch als "Wachstumsmotor" gewirkt. Intensiviert wurde der Bau von Verkehrswegen, unter anderem die Rheinbegradigung durch den Wasserbau-Ingenieur Johann Gottfried Tulla.  Die Straßenbautechnik wurde durch John Loudon McAdam 1816 erneuert, die bestehenden Straßen wurden "makadamisiert". Für das Wiesental hat Franziska Hirschner in den Archiven geforscht.  In der Zeit von 1831 bis 1936 stritten die Gemeinden über die Unterhaltspflicht der Straße von Langenau nach Tegernau. 1842 schuf man neue Verbindungswege zwischen Schwand, Raich, Ried, Hohenegg und Tegernau.  Der erste reguläre Zug fuhr 1862 von Lörrach nach Schopfheim. Eine rege Bautätigkeit setzte auch regional ab 1820 ein. In Schopfheim errichtete man 1824 das neue Amtshaus, der neugestaltete Rathausplatz erhielt einen Springbrunnen. Auch in Tegernau ist ein Projekt von 1827 bekannt, nämlich die "Erbauung eines Feuerlöschspritzen- und Wachhauses nebst Bürgergefängnis". Zollschranken wurden abgebaut, neue Textilfabriken siedelten sich an.

Fazit:
Derzeit hat der Mensch mit einem entgegengesetzten Klimaproblem zu kämpfen: die globale Erderwärmung. Forscher diskutieren ernsthaft, ob ein "künstlicher Vulkanausbruch" geeignet wäre, die Erde abzukühlen. Wissenschaftliche Modelle zeigen aber noch zu große Unsicherheiten, so Hirschner.