Uniklinik Freiburg

"Was soll das?" Pflegekräfte und Intensivmediziner ärgern sich über Corona-Leugner

Stephanie Streif, Joachim Röderer

Von Stephanie Streif & Joachim Röderer

Fr, 30. April 2021 um 08:44 Uhr

Freiburg

Die Pandemie ist ein Marathon: Seit über einem Jahr arbeitet das Personal der Uniklinik Freiburg an der Belastungsgrenze. Zwei Ärzte und zwei Pflegekräfte erzählen, wie es aktuell auf Station zugeht.

Die dritte Corona-Welle hat die Intensivstationen des Freiburger Universitätsklinikums längst erreicht. Ihr höchster Punkt wird für die zweite Maihälfte erwartet. Für Ärzte und Pflegekräfte bedeutet das Schwerstarbeit. Sie haben uns erzählt, wie der tägliche Kampf gegen die Krankheit aussieht. Und worauf die Teams hoffen.


Tobias Großkreutz, 54
Stationsleitung der Anästhesiologischen Intensivstation

"Wir waren hier in der ersten Corona-Welle letztes Frühjahr schon sehr gefordert. Und im Sommer konnten wir uns nicht erholen. Da hatten wir zwar weniger Corona-Patienten, dafür wurden aber die aufgeschobenen Operationen nachgeholt. Außerdem hatten wir deutlich mehr Rad- und Motorradunfälle als üblich. Und dann kam schon die zweite Welle. Jetzt sind wir bei der dritten – und die trifft uns noch viel härter. Die Patienten liegen sehr lange bei uns und sind schwerstkrank.

"Ich bin frustriert, weil ich Dinge nicht mehr tun kann, die ich gerne tun würde, um meinem Patienten zu helfen." Tobias Großkreutz
Aktuell haben wir 12 Patienten auf unserer Station. Sie brauchen ärztlich wie pflegerisch viel Zuwendung, wir wollen die Patienten schließlich bestmöglich versorgen. Wenn man aber eine so hohe Zahl an schwerkranken Patienten hat, kann man diesem Ziel nur mit Mühe gerecht werden. Jede Pflegekraft, jeder ärztliche Kollege muss dann priorisieren, muss unter Umständen Abstriche machen. Bei uns sind es etliche Mitarbeiter, die sagen, jetzt bin ich an meiner Kapazitätsgrenze angekommen. Ich bin frustriert, weil ich Dinge nicht mehr tun kann, die ich gerne tun würde, um meinem Patienten zu helfen. Und ich kann den Mitarbeitern nach hinten raus nichts anbieten. Wir können nicht sagen, so, jetzt mache ich die Station mal zu oder wir halbieren die Bettenzahl oder ich gebe einem Teil der Mannschaft mal zwei Monate frei."


Daniel Dürschmied, 44
geschäftsführender Oberarzt Medizinische Intensivstationen

"Seit über einem Jahr sind unsere Intensiv-Teams einer enorm großen Belastung ausgesetzt. Vor Corona hatten wir einen Alltag, den wir mit unseren Strukturen gut bewältigen konnten. Wenn wir jetzt noch freie Betten auf Station haben, dann bedeutet das nicht, dass wir auf Patienten warten. Vielmehr gehören die freien Betten zu einem komplizierten Ressourcen-Management. Wir stehen in ständigem Austausch mit anderen Stationen und anderen Kliniken und verlegen auch mal einen Patienten, wenn wir merken, wir kommen an unsere Kapazitätsgrenze. Anders als in der ersten und zweiten Welle haben wir bislang noch keine verschiebbaren Eingriffe ausgesetzt, um mehr Covid-Patienten behandeln zu können. Aber langsam kommen wir an diesen Punkt.

"Bis alle geimpft sind, helfen nur Abstandsregeln und ein Lockdown." Daniel Dürschmied
Den Peak der dritten Welle haben wir auf den Intensivstationen allerdings noch nicht erreicht. Der wird uns, so die Berechnungen unserer Epidemiologen in zwei, drei Wochen, also noch im Mai erreichen. Die aktuellen Regeln der Politik greifen nur bedingt: Wenn es heißt, ich darf mich mit einer Person treffen und ich treffe mich jeden Abend mit einer anderen Person, dann ist das zwar rechtens, aber epidemiologisch eine Katastrophe. Covid-19 ist eine schreckliche Krankheit, sie ist wirklich fies und noch nicht überwunden. Bis alle geimpft sind, helfen nur Abstandsregeln und ein Lockdown."


Silvia Kopp, 52
Pflegerische Leitung Medizinische Intensivstationen

"Man hat in der ersten Welle ja darüber nachgedacht, die Arbeitszeiten zu verändern und auf Zwölf-Stunden-Schichten zu gehen. Aber so eine Belastung für so eine Schicht auf einer Intensivstation, das würden die Mitarbeiter nicht lange durchhalten. Es gibt immer wieder Gespräche mit Mitarbeitern, die sagen, ich muss dringend entschleunigen, ich kann nicht mehr. In dem Tempo kann ich nicht weitermachen.

"Wir erleben viel Leid auf den Stationen und sehen, was die Patienten da mitmachen müssen. Dann kommt man nach draußen, sieht die Menschen, die unbeschwert sind und keinen Abstand halten." Silvia Kopp
Vollzeitbeschäftigte sind eh rar. 80 Prozent sind die neuen 100. Weil sie einfach sagen, ich bin so erledigt nach einem langen Arbeitstag. Es gibt viele, die gerne 100 Prozent arbeiten würden. Aber der Arbeitstag ist zu dicht gedrängt. Was auch noch dazu kommt: Wir haben ja stark eingeschränkte Besuchsmöglichkeiten. Angehörige nehmen ja sehr viel Anteil, sind da, beruhigen die Patienten. Und bei den gekürzten Besuchszeiten müssen jetzt wir als Team viel davon auffangen. Für die Patienten war es oft ein sehr einsames Dasein.

Wir erleben viel Leid auf den Stationen und sehen, was die Patienten da mitmachen müssen. Dann kommt man nach draußen, sieht die Menschen, die unbeschwert sind und keinen Abstand halten. Da fragt man sich schon: Was soll das? Und dann hört man auch noch Sätze wie: Die Zahlen sind im Vergleich gar nicht so hoch. Und ihr habt ja noch Betten frei. Und wenn man dann noch Leute sieht, die gegen die Maßnahmen demonstrieren, dann will man dagegen halten. Es gibt auch Kolleginnen und Kollegen, die sagen: Wir müssen was unternehmen."


Johannes Kalbhenn, 41
Oberarzt Anästhesiologische Intensivstation

"Unsere Covid-Patienten werden jünger, haben schwerere Krankheitsverläufe und bleiben darum länger bei uns. Anders als in früheren Wellen, in denen wir viele alte Menschen auf Station hatten, sind es jetzt die 50- bis Mitte-60-Jährigen, aber auch mal ein 18-Jähriger oder eine 25-jährige Schwangere. Ja, die Situation ist belastend.

"Ich will kein Moralapostel sein und verstehe, dass keiner mehr Lust hat auf einen Lockdown. Er würde uns hier drinnen aber enorm helfen." Johannes Kalbhenn
Für die psychische Gesundheit eines Intensiv-Teams ist es etwas anderes, wenn ein Schwerstverletzter, um dessen Leben man 24 Stunden gekämpft hat, stirbt, oder ob man einen Covid-Kranken über 20 Tage hinweg pflegt. Man steht viel an seinem Bett, dreht ihn auf den Bauch und wieder zurück, bekommt mit, wie es ihm besser, dann wieder schlechter geht und wie er schließlich stirbt. So ein Tod ist viel schwieriger zu bewältigen.

Unser privater und unser beruflicher Alltag stehen in einem krassen Kontrast: Auch wir würden gerne nach einem stressigen Arbeitstag mit unseren Kollegen zum Runterkommen ein Bierchen trinken gehen oder mit unseren Nachbarn grillen, aber dann stehen wir hier auf Station und sehen die Corona-Patienten und die Verunfallten. Da denkt man schon, was müssen die in einer Pandemie sich auch noch aufs Motorrad schwingen oder Gleitschirm fliegen. Ich will kein Moralapostel sein und verstehe, dass keiner mehr Lust hat auf einen Lockdown. Er würde uns hier drinnen aber enorm helfen."


Diese und weitere Datengrafiken zur Corona-Pandemie in Baden-Württemberg und aller Welt zeigen wir täglich aktuell im BZ-Dashboard.

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