Kältehilfe

Wegen der Pandemie haben Wohnungslose in Waldshut keinen Platz zum Aufwärmen

Verena Wehrle

Von Verena Wehrle

Fr, 20. November 2020 um 15:43 Uhr

Waldshut-Tiengen

In der Wärmestube in Waldshut gilt ein eingeschränkter Pandemie-Betrieb. Drinnen ist kein Platz, um Abstand zu halten. In der kalten Jahreszeit könnte das zur Zerreißprobe werden.

Die Tür der Wärmestube an der Ziegelfeldstraße ist zu. Corona lässt keinen Regelbetrieb zu. Das heißt: Die Wohnungslosen stehen vor der Tür und werden meist draußen beraten. Sie bekommen Beratung "to take away" (übersetzt "zum Mitnehmen") durchs Fenster hindurch, wie es Sozialarbeiterin Caroline Maier ausdrückt. Maximal zwei externe Personen dürfen das Gebäude aktuell betreten. Denn die Räume sind viel zu klein, so dass Abstandhalten für noch mehr Personen unmöglich ist. Es ist eine ungewohnte Situation, die in der kalten Jahreszeit zur Zerreißprobe werden könnte.

» Was umfasst das Angebot der Wärmestube im Normalbetrieb?
Normalerweise ist die Wärmestube der AGJ-Wohnungslosenhilfe von 8.30 Uhr bis 16 Uhr geöffnet. Der wohnungslose Dieter Rattke steht dann regelmäßig hinter der Theke und kocht Kaffee, den er für 40 Cent an seine "Kumpels" verteilt. Normalerweise herrscht dort vor allem zur Mittagszeit Hochbetrieb.

Die Wohnungslosen pflegen dort ihre Sozialkontakte, wärmen sich auf, informieren sich in der Zeitung. Und Betroffene kochen für Betroffene. Sie suchen sich ein wärmendes Kleidungsstück aus der Kleiderkammer aus, duschen oder waschen ihre Wäsche. Die Sozialarbeiter beraten sie, helfen beim Stellen von Anträgen fürs Jobcenter oder zahlen ihnen ihr Arbeitslosengeld aus. Auch vermitteln oder begleiten sie zum Arzt und sind behilflich bei der Jobsuche. Die Menschen ohne festen Wohnsitz, die die Ziegelfeldstraße 16 als ihre Postadresse angegeben haben, können dort ihre Post abholen. So macht es auch Dieter Rattke. Und er kann von dort aus auch sein Geld beziehen, denn er hat dort ein Klientenkonto. Das alles ist für den Alltag der Wohnungslosen im Landkreis Waldshut enorm wichtig. Doch jetzt ist vieles anders.

Wie sieht das Angebot in Corona-Zeiten aus?
Aktuell sind die Sozialarbeiterinnen Caroline Maier und Eva-Maria Hornung von 9 bis 12 Uhr in ihren Büros. Stehen Wohnungslose vor der geschlossenen Tür, lassen sie maximal zwei Personen gleichzeitig herein. Sie können dann auch duschen, sich waschen oder sich kurz aufwärmen. Alle anderen werden durch das Fenster beraten und bekommen auch einen Kaffee nach draußen gereicht.

So ist es möglich, dass sich einzelne Personen mit Abstand draußen treffen. Doch Sotiris-Aki Kiokpasoglou, Leiter der AGJ-Wohnungslosenhilfe im Kreis Waldshut, betont: "Das soziale Miteinander bleibt nun auf der Strecke." Dabei seien die Menschen doch auf soziale Nähe geeicht, so Kiokpasoglou, den dort alle nur "Aki" nennen.

Welchen Einfluss auf die Hilfe für Wohnungslose hat Corona noch?
Die Arbeit sei nicht weniger geworden, erzählen die Sozialarbeiter, jedoch unter erschwerten Bedingungen. Zwischen 20 und 30 Kontakte mit Wohnungslosen haben sie täglich. Mit den Obdachlosen selbst sprechen sie viel über das Thema, sensibilisieren sie und betonen das strenge Hygienekonzept. Einem Herren mit Symptomen, der auf der Straße lebt, habe das Gesundheitsamt eine Unterkunft in Bad Säckingen für die Quarantäne zur Verfügung gestellt, wie Kiokpasoglou erzählt. Mit den Behörden sei man im ständigen Kontakt.

Doch was ist, wenn es jetzt viel kälter wird? "Wenn es Winter wird, dann kommen wir an unsere Grenzen", sagt er, vor allem im Bezug auf das Angebot der Wärmestube. Dann kommt die aufsuchende Arbeit von Caroline Maier ins Spiel. Sie geht an die Plätze, besucht die Wohnungslosen, spricht mit ihnen, klärt zum Beispiel Ärger untereinander. Ihre Arbeit war schon immer wichtig, habe aber gerade während der Corona-Pandemie enorm an Bedeutung gewonnen. Hauptplätze seien der Kiosk am Bahnhof und der Viehmarktplatz in Waldshut.

Eigentlich sollte es in jeder Gemeinde eine Notunterkunft für Wohnungslose geben. "Doch die Realität sieht anders aus", so Maier. Doch wenn bald Minustemperaturen drohen und die Wärmestube zu wenig Platz bereit hält, wo wärmen sich die Obdachlosen dann auf? "Ich setze mich dann länger in eine Gaststätte, besuche Bekannte, kann dort notfalls auch mal übernachten, kämpfe mich durch den Winter", sagt Dieter Rattke. , der schon seit Jahren auf den Straßen der Region lebt. "Aber die meisten von uns haben keine Kontakte, für sie wird es schon schwieriger", sagt er. Und die Gaststätten bleiben im November geschlossen.

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