Infoabend

"Rettet die Bienen" wird in Weil am Rhein kontrovers diskutiert

Ulrich Senf

Von Ulrich Senf

Sa, 09. November 2019 um 08:57 Uhr

Weil am Rhein

Bei der Veranstaltung zum Volksbegehren Artenschutz werden die Ängste und Nöte der Bauern im Markgräflerland greifbar. Deutlich wird auch, wie hoch der Einfluss der Verbraucher ist.

Das Volksbegehren Artenschutz liegt auf Eis – das war womöglich der Grund, warum am Donnerstagabend viele Stühle im Haus der Volksbildung frei blieben. Nur rund 100 Zuhörer waren zur Podiumsdiskussion zwischen dem Präsidenten des Badischen landwirtschaftliche Hauptverbands (BLHV) Werner Räpple und Jochen Goedecke vom Nabu gekommen. Sie erlebten aber eine höchst informative Veranstaltung, die auch auf die Sorgen und Nöte der hiesigen Landwirte aufmerksam machte.

Fast hätte Tom Leischner, Leiter der Volkshochschule, die Veranstaltung noch absagen müssen. David Gerstmeier, der Mitinitiator des Volksbegehrens "Rettet die Bienen – für den Artenschutz", hatte nämlich am Dienstag abgesagt. In Stuttgart befinde man sich gerade in der Dialogphase zur Abstimmung des Eckpunktepapiers. Da sei seine Anwesenheit notwendig, hatte er sich entschuldigt. Umso glücklicher war Leischner, dass ganz kurzfristig Jochen Goedecker, Mitglied des Landesvorstandes des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), eingesprungen war. So konnte die Podiumsdiskussion doch stattfinden und den Bürgern damit die Gelegenheit gegeben werden, sich über die Positionen zu informieren, um, wie Leischner hoffte, selbst weiterdiskutieren zu können.

Die Konsumenten bestimmen, was produziert wird

Denn eines machte der Abend schon bald klar: Den Ausschlag geben am Ende die Konsumenten. Sie bestimmen darüber, ob Landwirte hochwertige, mit großem Aufwand hergestellte Produkte verkaufen können und ob damit Platz für einen ökologischen Umbau der Landwirtschaft geschaffen werden kann. Unter den aktuellen Marktbedingungen sei das nämlich nur schwer vorstellbar, war im Verlauf des Abends auch den Wortmeldungen der vielen Landwirte unter den Zuhörern zu entnehmen. Während in Baden-Württemberg etwa 14 Prozent der Flächen nach ökologischen Gesichtspunkten bewirtschaftet werden, geben Konsumenten nur fünf Prozent ihres Geldes für Ökowaren aus, hatte Räpple vorgerechnet.

Mehr Mut forderte dem gegenüber Goedecke von den Landwirten ein und verwies darauf, dass große Lebensmittelketten wie Edeka und Lidl mit eigenen Öko-Schienen bereits bei den Kunden punkteten. Gerade der dort angebotene italienische Biowein für 1,99 Euro mache aber deutlich, dass die Landwirte dem globalen Markt ausgeliefert sind, konterte Räpple. Nicht einmal 30 Prozent des Ertrags lasse sich regional vermarkten, was etwa dazu geführt habe, dass die Schwarzwaldmilch den Biomilchanteil nicht voll aufnehmen könne.

Ein "weiter so" dürfe es nicht geben

Umso mehr müsse das Land mit gutem Beispiel vorangehen und etwa, so wie das nun auch in dem neuen Eckpunktepapier geschieht, Möglichkeiten für die Vermarktung schaffen. Dazu gehöre etwa, dass Schulmensen und andere öffentliche Einrichtungen eben einen stetig steigenden Anteil an Bio-Lebensmitteln nutzen müssten, vertrat Goedecke. Ein "weiter so" dürfe es in keinem Fall geben – ein Urteil, in das auch Räpple mit einstimmte und das sich in dem neuen Eckpunktepapier auch niederschlagen werde.

Zum einen sei das Papier deutlich breiter aufgestellt und nehme beim Umwelt- und Artenschutz neben den Landwirten auch Privatpersonen und Kommunen in die Pflicht, zum anderen setze es aber auch klare zeitliche Vorgaben – teils sogar strenger als jene im Volksbegehren, lobten beide. Wie weit es tatsächlich die Anliegen der konventionellen Landwirtschaft widerspiegelt, werde noch verhandelt und sei abzuwarten, erklärte Räpple.

Dem Landwirt muss eine "Notfallapotheke" bleiben

Kulturamtsleiter Tonio Paßlick war die nicht ganz einfache Aufgabe zugefallen, die Diskussion zu leiten und dabei dafür zu sorgen, dass die Grundzüge des Volksbegehrens ebenso wie die des sich dagegen formierten Widerstands klar Kontur bekommen. Dabei wachte er darüber, dass sich die beiden Kontrahenten auf dem Podium, aber auch die Zuhörer in der Fragerunde, nicht nur mit Statements bombardierten.

Wie schwierig der Verzicht auf Pflanzenschutzmittel im Einzelfall ist und welche negativen Folgen das haben kann, illustrierte der Öltinger Winzer Dieter Rösch. In solchen Fällen, da stimmte ihm Goedecke zu, müsse der Landwirt über eine "Notfallapotheke" verfügen, um einzugreifen, wenn alle anderen biologischen Mittel versagen. Oftmals, so Goedecke, seien solche Zuspitzungen aber auch durch eine geschickte Fruchtfolge zu vermeiden.

Mit dieser Behauptung stieß er aber bei Räpple, wie auch bei den Landwirten im Saal, auf keine Zustimmung. So wichtig die Fruchtfolge sei, so wenig Chancen habe der Landwirt, sie umzusetzen, wenn etwa beim Klee der Absatzmarkt fehlt, weil es kaum mehr Viehhaltung im Markgräflerland gebe, oder wenn der Raps ohne Beizung des Saatguts von Ungeziefer befallen wird.

Daraus, dass es Zielkonflikte im Artenschutz gibt, machte Goedecke keinen Hehl. Das sei bei der Bekämpfung der Tigermücke ebenso der Fall wie bei der Wiederansiedlung des Bibers oder dem von Max Hagin angeführten Kampf um die letzten Brutpaare des Brachvogels.

Artenschutz, das wurde an dem Abend klar, ist sehr komplex und wird von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst – aber er ist auch ein Thema, das zuallererst die Verbraucher prägen, wie es Armin Wikmann quasi als Schlusswort des Abends zusammenfasste.