Exponate in Hammerschmiede

Wenn das Grammophon im Heimatmuseum Reichenbach erklingt

edba

Von edba

Di, 04. Mai 2021 um 12:45 Uhr

Lahr

BZ-Reihe über Exponate in der Hammerschmiede, dem Reichenbacher Heimatmuseum: Heute das Grammophon

Zu den Höhepunkten einer Führung durch das Heimatmuseum gehört das Grammophon mit seiner Drehkurbel. Wenn Musik und Gesang aus seinem Holztrichter tönen, begleitet vom Knistern der Stahlnadel auf der Schellackplatte, liegt staunende Heiterkeit auf den Gesichtern der Besucher: Es funktioniert noch immer, dieses No-Name-Produkt, das Anfang der 1920er- Jahre produziert worden ist.

Kein Firmenschild verrät, in welchem Jahr, in welcher Fabrik und an welchem Ort es hergestellt wurde. Und als der Kasten vor bald 20 Jahren dem Museum anvertraut wurde, war sein Antrieb kaputt. Es waren ehemalige Mitarbeiter des früheren Plattenspieler-Herstellers Dual in St. Georgen, die Jahre später das Grammophon wieder zum Spielen brachten. Sie fanden zudem heraus, dass die "Sprechmaschine", wie diese Geräte damals bezeichnet wurden, um die Jahre 1922/23 auf den Markt gekommen war.

Ein Grammophon kostete mehr als ein Monatslohn

Der "Stukenbrok Hauptkatalog" aus dem Jahr 1926 bot solche "Sprechmaschinen" in unterschiedlicher Ausführung zum Kauf an. Als hölzerner Schrankapparat, wie er nahezu baugleich auch im Reichenbacher Museum steht, war er zum Preis von 132,50 Mark zu haben. Dieser Betrag lag sogar noch ein paar Mark über dem durchschnittlichen Monatslohn eines Arbeiters in jenen Jahren. Dies war also kein Gerät für jedermann.

Tatsächlich waren "Sprechmaschinen" zu Beginn des vorigen Jahrhunderts eine Seltenheit in deutschen Haushalten. Emil Berliner hatte das Patent für ein Gerät zur Aufzeichnung von Tönen erst 1887 angemeldet. Dieses nannte er "Grammophon" (altgriechisch: gramma "Geschriebenes", phone: "Stimme, Laut, Ton"). Von ihm stammt auch die Bezeichnung "Schallplatte" für den Träger der Töne – eine Platte, die lange Zeit aus dem tierischen Harz "Schellack" gepresst wurde.

Mit dem Aufkommen der Schallplatte aus Kunststoff und der weiten Verbreitung des Elektroplattenspielers in den 1960er-Jahren waren die Grammophone dann nur noch Auslaufmodelle.

Zur Schellackplatte wiegen sich Besucher im Walzertakt

Der Reichenbacher Schrankapparat ist aus Eichenholz gefertigt, 106 Zentimeter hoch und besteht aus drei Teilen: Im oberen Teil befinden sich unter einem Holzdeckel der Plattenteller und der Tonabnehmer aus Aluminium mit einer Stahlnadel. Über eine Drehkurbel wird das Feder-Laufwerk angespannt, das den Teller in der für eine gute Wiedergabe nötigen Drehzahl in Gang setzt. Die mittlere Abteilung enthält den Tontrichter, ganz unten im Gehäuse ist der Ablageplatz für Schallplatten.

Das Sortiment an Schellackplatten im Heimatmuseum ist bescheiden. Aber Operettenlieder wie die Oscar-Straus-Komposition "Da draußen im duftenden Garten", gesungen von Wagner-Tenor Franz Völker, lassen Besucher ein wenig vom Lebensgefühl der 1920er-Jahre spüren. Nicht selten wiegen sie sich dabei im Walzer-Rhythmus.