Wenn sich zwei begegnen

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 30. April 2021

Theater

Die Choreographie "My Blue is your Green" der Vaya Company ist per Live-Stream zu sehen.

Zwei Tänzerinnen und fünf Lichtkegel. Sonst nichts auf der Kammer-Bühne des Freiburger E-Werks. Eine Zuschauerin noch, allein auf einem Klappstuhl. Das Licht geht aus, eine Stimme an: Wir Menschen sind nichts als Partikel im Weltall. Eine Schneeflocke, ein Sandkorn. Ein Nichts. Wir sind verletzlich. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Schwere Fragen, die nur Menschen, die glauben, beantworten können. Die Tänzerinnen Tina Halford und Agnes Sales Martin stehen ganz klein in einer Ecke des Raums und lauschen dem englischen Text des Tänzers und Choreographen Raul Martinez, der aus Salvador stammt und mit Tina Halford nicht nur beruflich – in der Company Vaya Art of Human Movement – verbunden ist.

"My Blue is your Green" wartet schon länger auf eine Aufführung. Nun ist auch einstweilen die letzte Chance vertan, ein Live-Stream ersetzt das Live-Erlebnis. Dass das Duo auf der Bühne viel mehr Zeit zum Proben hatte als üblich, merkt man der Performance durchaus an. Sie ist tänzerisch perfekt. Besser kann man nicht aufeinander eingestimmt sein als diese beiden Tänzerinnen – wobei eine andere Tänzerin als Partnerin von Tina Halford vorgesehen war. Doch die hängt zur Zeit in Mexiko fest.

Eine Begegnung: Zuerst tastet man sich ab, die eine macht der anderen den Platz im Lichtkegel streitig. Wer ist schneller da, um sich zu behaupten? Ein Rennen durch den Raum, ein triumphierendes Innehalten – dann erste Rempeleien, kleine Schubsereien. Irgendwann, das ist zwangsläufig, arten diese Grenzüberschreitungen zu einem veritablen Kampf aus: Sie verfolgen einander, ziehen aneinander, schleudern umeinander, werfen sich gegenseitig über die Schultern, tunneln einander. Das geht alles Schlag auf Schlag, es ist virtuos, es ist athletisch, es muss kraftraubend sein, doch den beiden ist nichts anzumerken. Sie verklammern, verbeißen sich an- und miteinander. Partnering nennen sie diesen speziellen Tanzstil, der aus der Kontaktimprovisation hervorgegangen sein könnte – nur ohne Improvisation. Hier ist jeder Griff, jeder Schritt präzise festgelegt. Was Frauen so draufhaben können...

Im letzten Teil des wie ein Rondo gebauten 60-minütigen Abends zeigen die Tänzerinnen, dass menschliches Aufeinandertreffen auch jenseits von Hennenkämpfen stattfinden kann. Die Bewegungen werden ruhig, geschmeidig, harmonisch, was vorher ein Gegeneinander war, verwandelt sich in ein Miteinander. Jetzt können sie sich aneinander anlehnen, vertrauensvoll, sich rücklings fallen lassen in der Gewissheit, die eine wird da sein, um die andere, die Stürzende, aufzufangen. Wir sind, rezitiert eine weibliche Stimme Raul Martinez, Teil des Ganzen, alles ist perfekt, wie es ist, und alles ist in einem Prozess begriffen. Tanz ist Bewegung im Raum und in der Zeit: die prozessuale Kunst schlechthin. "My Blue is your Green" ist ein kraftvoller Beweis für die Vitalität des Tanzes – selbst in Zeiten wie diesen.

Live-Stream am 2. Mai um 20 Uhr über #infreiburgzuhause.de