Oppenau

Wer hat das Schreiben verfasst, das Yves R. zurückgelassen hat?

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

Mi, 15. Juli 2020 um 20:20 Uhr

Offenburg

"Der Ruf der Wildnis" – das steht über dem Schreiben, das der flüchtige Yves R. einem Oppenauer Gastronomenpaar Ende Juni in die Hand gedrückt haben soll. Recherchen zufolge soll er es aber lediglich ausgedruckt haben.

Die Suche nach dem 31-jährigen Yves R. aus Oppenau, der am Sonntag vier Polizeibeamte entwaffnete und mit deren Pistolen in den Wald floh, dauerte am Mittwoch weiter an. Wie an den Vortagen war die Polizei mit einem sehr großen personellen und technischem Aufgebot im Einsatz. Unterdessen geriet ein Schreiben in den Fokus, das Yves R. schon Ende Juni dem Oppenauer Gastronomenpaar Marion und Uwe Hauser gegeben haben soll. Er habe es aus dem Internet ausgedruckt und ihnen mit den Worten "Lest euch das mal durch, so bin ich eingestellt" in die Hand gedrückt, sagte die Wirtin Marion Hauser laut Focus Online. Ihr Mann Uwe Hauser betreibt auch den Kiosk einer Minigolfanlage im Ort, wo ihm Yves R. in den letzten Wochen unentgeltlich mit Schreiner- und Elektroarbeiten geholfen hatte. Hauser will R. nicht als Freund bezeichnen, hat aber ein Vertrauensverhältnis zu dem Geflüchteten aufgebaut.

Mit "Der Ruf der Wildnis" trägt das Schreiben den gleichen Titel wie ein Jack-London-Roman, in welchem ein Hund immer mehr seine Bindung zu den Menschen verliert und sich schließlich einem Wolfsrudel anschließt. Das zweiseitige Schreiben ist eine Kritik an einer durchtechnologisierten Gesellschaft, in der den Menschen einfache Fertigkeiten verloren gingen; es enthält Sätze, die wohl viele unterschreiben oder zumindest nachvollziehen können.

Eine Ode an das einfache Leben im Wald

Zugleich ist es eine Ode an das einfache Leben im Wald als Waldläufer. Ein Leben in und mit der Natur sei viel harmonischer, Probleme ließen sich oft nicht mit den bisher bekannten Techniken, sondern über Beobachtung lösen. Freiheit, aber auch die Bereitschaft zu Verzicht, gehöre zu dieser Art zu leben. Ein Leben, das zu führen R. sich am vergangenen Sonntag von einem Moment auf den anderen selbst gezwungen hat.

"Wir ordnen das Schreiben R. zu, seine Herkunft ist aber nicht abschließend geklärt", sagte Rüdiger Schaupp von der Pressestelle des Offenburger Polizeipräsidiums. "Letztlich ist das Schreiben auch von existierenden und im Internet auffindbaren Texten kopiert", ergänzt der Polizeisprecher. Die Bild-Zeitung hatte spekuliert, dass sich Yves R. vom Manifest des als "Una-Bomber" bekannt gewordenen ehemaligen Mathematik-Professors Theodore Kaczynski inspirieren ließ. Dieser Darstellung widersprach der ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt. Nach seiner Einschätzung habe das Papier keine Ähnlichkeit mit dem Pamphlet des US-Terroristen. Nach Recherchen des SWR wurde das Schreiben vielmehr ursprünglich 2005 von einem Mann in Nordrhein-Westfalen geschrieben, der mit zwei Freunden eine Waldläufer-Gruppe gegründet hatte und heute mit seiner Familie bei Moers in Nordrhein-Westfalen lebt. Auch ein weiterer Mann aus der Gruppe soll dem SWR diese Darstellung bestätigt haben.

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