Podiumsdiskussion in Lahr

Wie Artenschutz und Landwirtschaft zusammenpassen können

Hagen Späth

Von Hagen Späth

Mo, 02. Dezember 2019 um 18:40 Uhr

Lahr

Über das Thema Artenschutz und Landwirtschaft ist in einer Veranstaltung des BUND in Lahr debattiert worden. Die antwort könnte lauten: Grundsätzlich ja, aber der Rahmen muss stimmen.

"Artenschutz und Landwirtschaft – passt das zusammen?" So lautete das Thema der Podiumsdiskussion, zu der die Ortsgruppe Lahr des Bunds für Naturschutz Deutschlands (BUND) eingeladen hatte. Nach drei Kurzvorträgen und einer guten Stunde intensiver Diskussion mit den gut zwei Dutzend Zuhörern, die ins Bürgerzentrum gekommen waren, könnte die Antwort lauten: Grundsätzlich ja, aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen.

Mit Hans Bartelme aus Rheinau und Martin Geng aus Staufen hatte der BUND gleich zwei Landwirte eingeladen, die seit vielen Jahren praktisch zeigen, dass Artenschutz und Landwirtschaft sehr gut zusammenpassen können. Bartelme hält auf 50 Hektar Legehennen und Mastschweine und produziert nach Naturland-Richtlinien. Geng hat als Quereinsteiger in elf Jahren ein "Obstparadies" aufgebaut, wo seine Familie komplett ein breites Spektrum an Obstsorten anbaut und das Obst und viele Produkte daraus in Bioland-Qualität selbst vermarktet. Geng arbeitet komplett ohne Spritzmittel und setzt voll auf Nützlinge.

Von Artensterben zu "Rettet die Bienen"

Mit auf dem Podium saß Sylvia Pilarsky-Grosch, BUND-Landesgeschäftsführerin, Moderatorin war Lucia Kronauer-Dietsche, die mit klugen Fragen die Diskussion anstieß. Pilarsky-Grosch beschrieb zunächst die Ausgangslage mit dem dramatischen Artensterben, mit dem Volksbegehren "Rettet die Bienen" und dem Kompromiss des Eckpunktepapiers, an dem gerade gebastelt werde, mit insgesamt abgeschwächten Zielvorgaben, die aber in die richtige Richtung weisen. So soll zum Beispiel die Pestizidreduktion nicht mehr flächenbezogen vorgeschrieben werden, sondern sie sollen bis zum Jahr 2030 insgesamt 40 bis 50 Prozent weniger eingesetzt werden im Land.


"Der Handel ist das Nadelöhr", verdeutlichte Geng, dass die konventionell erzeugenden Landwirte einem System unterliegen, dem sie kaum entkommen können. Geng: "Die Landwirte müssen spritzen, wenn sie in den Großhandel liefern." 85 Prozent der Lebensmittel in Deutschland würden von vier großen Handelsketten aufgekauft. In diesem System seien in diesem Jahr 43 Pflanzenschutzspritzungen empfohlen worden. Darin spielten auch die Landwirtschaftsämter und die Politiker ihre Rollen.

Die Rolle der Chemiekonzerne beleuchtet

"Und welche Rolle spielen die Chemiekonzerne dabei, sie sind kaum in der Schusslinie?", hakte Kronauer-Dietsche nach. Geng antwortete, dass auf Bundesebene neun Chemie-Lobbyisten auf einen Politiker kommen und dass in Deutschland 280 Wirkstoffe zugelassen seien. Die Rückschlüsse daraus überließ er den Zuhörern. Bartelme verwies darauf, dass es den begründeten Verdacht gebe, dass Parkinson durch Spritzmittel ausgelöst werde und dass sowohl das Spritzmittel als auch das Medikament gegen Parkinson vom gleichen Unternehmen hergestellt werde: "Ein super Geschäftsmodell."

Schließlich kam die Diskussion auf die Fragestellung des Abends zurück. Landwirtschaft und Artenschutz können gut zusammengehen, meint Bartelme. Die Umstellung auf Bio dauere zwei bis drei Jahre, es gebe Unterstützung vom Land. Das größere Problem sei die Vermarktung, der Absatz der Ware müsse vorher geklärt sein. Geng warnte, dass auch im Biobereich der Artenschutz unter die Räder kommen könne, wenn in Monokulturen in zu großen Schlägen und mit zu wenig begleitendem Grün wie Hecken angebaut werde.

"Die Landwirte müssen spritzen, wenn sie in den Großhandel liefern."Martin Geng
"Und die Preise stimmen nicht mehr", fügte Geng hinzu, Lebensmittel seien in Deutschland viel zu billig. Bernhard Irion, Landwirt aus Schwanau, stimmte zu. Er bekomme dieses Jahr 15 Cent für ein Kilo Weizen. Wenn man da nur aufs Geld schaue, sei es günstiger, den Weizen zu verheizen, meinte er. Bartelme hatte ein weiteres Beispiel parat: "Meine Oma sagte immer: Ein Ei muss so viel kosten wie eine Briefmarke."

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