Häusliche Gewalt

Wie die Lörracher Frauenberatungsstelle in Zeiten von Corona helfen kann

xkdo

Von xkdo

Mi, 01. April 2020 um 11:58 Uhr

Lörrach

Für Frauen, die Gewalt erleben, verschärft sich die Situation, wenn sie zuhause bleiben müssen und weniger soziale Kontakte haben. Die Frauenberatungsstelle lasse sie aber nicht allein, betont Justina Störk.

Distanz halten ist in Zeiten des Coronavirus’ gefragt. Und doch wird es manchen Menschen aufgrund der Ausgangsbeschränkungen zuhause zu eng. Dramatische Auswirkungen hat dies, wenn der Alltag von häuslicher Gewalt geprägt ist. Hilfsangebote werden dringend gebraucht. Doch sie sind eingeschränkt, die Frauenberatungsstelle kann nicht persönlich besucht werden. Maja Tolsdorf sprach mit Justina Störk, was möglich gemacht wird.

BZ: Ist der Bedarf gestiegen?

Störk: Es ist nicht so, dass sich derzeit viel mehr Frauen bei uns melden als sonst. Für die meisten ist das Hilfeersuchen ohnehin ein großer Schritt, oft der erste auf dem richtigen, aber schwierigen Weg raus aus der Gewaltspirale. Doch bei den Frauen, die wir seit einiger Zeit begleiten, merken wir, dass sich die Situation verschärft und die Spannungen im häuslichen Umfeld zunehmen.
Justina Störk ist Diplom-Sozialpädagogin, Systemische Beraterin/Therapeutin, Traumaberaterin und Psychosoziale Prozessbegleiterin. Seit 2013 ist sie als Mitarbeiterin der Frauenberatungsstelle Lörrach in der Beratung von Mädchen und Frauen tätig.

BZ: Wie äußert sich das?

Störk: Viele berichten, dass sie nun gar keine Auszeit mehr haben, eine Zeit für sich oder für Gespräche mit Freunden. Für Frauen in gewaltgeprägten Beziehungen sind Kontakte nach außen auch immer ein Schutz. Die Tendenz diese zu kontrollieren und zu reduzieren, ist ohnehin Teil dieser Beziehungen. Wenn nun wegen der Ausgangsbeschränkungen eine Zuflucht im persönlichen Umfeld fehlt, kann man davon ausgehen, dass sich die Gewalt verschlimmert.

BZ: Wie können Sie da aktuell helfen?

Störk: Wir versuchen, irgendwie da zu sein, auch wenn der persönliche Kontakt gerade nicht möglich ist. Wir sind vormittags telefonisch erreichbar, ähnlich einer offenen Sprechstunde. Längere Telefonate oder Videoberatungen sind dann nach Terminabsprache möglich. Durch die Ausgangsbeschränkung ist es für viele Frauen aber noch schwieriger geworden zu telefonieren. Auch dabei ist der Weg zu Freunden und Bekannten abgeschnitten. Nach dem Erstkontakt überlegen wir deshalb mit den Anruferinnen gemeinsam, welche Zeitfenster sich noch ergeben.

"Wir merken, dass sich die Situation verschärft."

BZ: Und die Frauen werden Zuhause derart unterdrückt?

Störk: Die Dynamik in einem solchen Umfeld ist oft, dass die Frau alles richtig machen will, um keinen Anlass für einen Gewaltausbruch des Mannes zu geben. Das ist enormer Stress, von dem es dank Ausgangsbeschränkung keine Pause mehr gibt, was zu chronischen Traumata führen kann. Wir gehen davon aus, dass die Frauen derzeit versuchen, sich zu arrangieren. Deshalb befürchten wir, dass sich die tatsächlichen Auswirkungen erst im Nachhinein zeigen werden.

BZ: Was kann da ein Telefonat helfen?

Störk: Selbst wenn eine Frau zunächst in ihrem Umfeld bleiben muss, so kann ein erster Kontakt, ein erstes Telefonat zeigen, dass sie in der Situation nicht allein ist. Das kann psychisch unheimlich viel verändern. So hat mir eine Anruferin gesagt, dass es gut für sie sei, mich in der nächsten Woche wiederzuhören. Insgesamt bekommen wir von unseren Klientinnen gesagt, dass auch das derzeitige Beratungsangebot hilfreich ist.
Die Frauenberatungsstelle Lörrach berät Mädchen ab 14 Jahren und Frauen bei sexualisierter, körperlicher, psychischer Gewalt sowie bei Essstörungen. Aktuell bietet sie telefonische offene Sprechzeiten von Montag bis Freitag, 9.30 bis 12.30 Uhr, an. Darüber hinaus können telefonische Beratungen oder Videoberatungen vereinbart werden. Rund um die Uhr erreichbar, kostenlos, anonym und in bis zu 17 Sprachen verfügbar ist das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen, 08000/116016, http://www.hilfetelefon.de

BZ: Und wenn eine Frau dringend raus muss aus der häuslichen Situation?

Störk: Auch zur Krisenintervention bieten wir unsere Hilfe an, selbst in Zeiten wie diesen. Es ist halt um ein Vielfaches schwieriger. Die Infrastruktur ist auch außerhalb dieser Ausnahmezeiten eher hinderlich statt förderlich. Es fehlen Plätze im Frauenhaus, zudem fehlt es an Wohnraum. Und doch suchen wir, dann auch deutschlandweit nach Räumlichkeiten und unterstützen bezüglich weiterer Möglichkeiten der Hilfen.

BZ: Was könnte man noch tun, wenn es schnell gehen muss?

Störk: Natürlich hat jede Frau bei körperlicher oder sexualisierter Gewalt die Möglichkeit, die Polizei zu rufen. Diese kann den gewalttätigen Ehemann aus der Wohnung verweisen. Frau und Kinder könnten dann dort verbleiben. Weil Frauen oft zögern, die Polizei herbeizurufen, könnten dies Anwohner oder Nachbarn übernehmen, die akustisch Zeugen der Gewaltsituation geworden sind.