Ausschlafen, wandern, wow!

Wie die Pandemie die Wanderwelt verändert – Waldparkplätze voll wie noch nie

Michael Neubauer

Von Michael Neubauer

Fr, 25. September 2020 um 17:00 Uhr

Südwest

Wanderstrecken mit Wow-Effekt: Davon gibt es in Südbaden einige. Ein Interview mit Meinrad Joos vom Schwarzwaldverein – über Wandern in Corona-Zeiten, Fairness auf den Pfaden und aktuelle Wandertrends.

Ein Wegweiser des Wiiwegli hängt am Tor seines Gartens in Staufen-Grunern, der Belchenpfad ist eine seiner Lieblingstouren. Meinrad Joos ist der Fürsprecher der Wanderer, denn er ist ehrenamtlicher Präsident des Schwarzwaldvereins – der 220 Ortsgruppen und 60 000 Mitglieder hat sowie ein 24 000 Kilometer umfassendes Wanderwegenetz betreut. Michael Neubauer sprach mit ihm über typische Wow-Effekte unserer Region und darüber, was ihn beim Wandern auch mal ärgert.

BZ: Herr Joos, finden Sie, dass Ihr Verein die Wanderwege gut ausschildert?
Meinrad Joos: Ja, trotzdem gibt es auch bei der Wegweisung des Schwarzwaldvereins dunkle Flecken und Kreuzungen, an denen man sich mal verlaufen kann. Aber wenn Sie mal im Berliner Grunewald gewandert sind und dann wieder in Südbaden eine Tour machen, dann wissen Sie, wie gut unser Wanderwege-Kennzeichnungssystem mit seinen 15 000 Wegweisern und 250 000 Einzelzeichen ist. Kleiner Tipp: Viele wissen nicht, dass 50 Meter nach dem Hauptabzweig immer dasselbe Zeichen nochmal angebracht ist quasi als Rückversicherung. Wenn Sie die Raute dann nicht finden, sollten Sie lieber zurückgehen und sich vergewissern, ob Sie den richtigen Weg eingeschlagen haben.

"Ich befürchte, dass leider auch einige Ausflugslokale wegen der Corona-Beschränkungen schließen werden." Meinrad Joos
BZ: Unsere Wanderserie verspricht, dass die elf Touren Wow-Effekte bieten. Wann entfährt Ihnen unterwegs ein Wow?
Joos: Für mich gibt es vier Wow-Effekte, die typisch für Wanderungen in unserer Region sind: Dass wir meistens sehr schnell das Erlebnis der Ruhe finden können, sobald man die Wanderparkplätze oder Bahnhöfe ein paar Meter hinter sich gelassen hat. Dass es in der Regel herrliche Aus- und Durchblicke gibt, mit denen man nicht gerechnet hat. Dass die Touren im Schwarzwald oft die faszinierende Schönheit und Vielseitigkeit unserer Natur zeigen. Und: Zu einer guten Wanderung gehört auch eine Einkehrmöglichkeit. Davon gibt es in Südbaden immer noch sehr viele. Aber ich befürchte, dass leider auch einige Ausflugslokale wegen der Corona-Beschränkungen schließen werden.



BZ: Wie hat die Pandemie unsere Wanderwelt verändert?
Joos: Zunächst hat Wandern in der heimatlichen Region durch Corona einen höheren Stellenwert bekommen. Denn in der freien Natur ist die Gefahr der Ansteckung bekannterweise sehr gering. Aber leider haben die Vereinsaktivitäten und das gemeinschaftliche Wandererlebnis schwer gelitten. Es sind mehr Menschen alleine, mit der Familie oder in kleinen Gruppen unterwegs. Dass alle Touren in der BZ-Wanderserie Rundwanderwege sind, halte ich gerade jetzt für sinnvoll: Denn viele Menschen zögern leider wegen Corona, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen und fahren lieber mit dem Auto zum Startpunkt der Tour. Ich habe noch nie so volle Wald- und Wanderparkplätze gesehen wie seit Mai – manchmal leider verantwortungslos zugeparkt.

BZ: Wandern zählt also zu den beliebtesten kleinen Corona-Fluchten?
Joos: Auf jeden Fall. Ich fand es deshalb umso erstaunlicher, dass unsere Landespolitiker das Wandern als Natursportart zunächst gar nicht auf dem Schirm hatten. Als man nach dem Ende des Lockdown von Natursportarten sprach, die man schnell wieder zulassen wollte, ging es eher um Tennis oder Golf. Die vergangenen Monate zeigten erneut, wie wichtig der Stellenwert des Wanderns ist als Teil der gesellschaftlichen Mobilität. In vielen Orten in der Vorberg-Zone von Offenburg bis Weil können die Menschen schon von der Haustür aus einfach loswandern. Wandern und Laufen sind wichtige Bestandteile einer klimafreundlichen und gesunden Mobilität – das sollten wir nicht vergessen.

"In der Natur haben wir doch immer die Möglichkeit, auszuweichen."
BZ: In Bayern versucht man, gegen Staus und Gedränge auf manchen Wanderstrecken auch Apps einzusetzen, die anzeigen, wie viele Wanderer zu bestimmten Zeiten unterwegs sind. Denken Sie über so etwas auch für unsere Region nach?
Joos: Nein. Bayern hat andere Touristen-Hotspots als wir – denken Sie an die Zugspitze. Solche Hotspots sind oft hausgemacht, sie entstehen mit großen Parkplätzen und Infrastruktureinrichtungen wie Seilbahnen und Hängebrücken oder Baumwipfelpfaden. Wir haben einen solchen Hotspot zum Beispiel am Feldberg. Sonst haben wir meistens bei den ersten Kilometern eine höhere Dichte an Wanderern – verursacht durch sogenannte Flip-Flop-Wanderer, die parken, aussteigen, 500 Meter laufen und dann wieder weiterfahren.

BZ: Das heißt, es braucht keine Regeln wie Laufrichtungen, um besser Abstand wahren zu können?
Joos: Im Grundsatz nicht. Natürlich, ist Rücksichtnahme notwendig und bei manchen unserer Aussichtstürme oder Berggipfel kann schon einmal eine Einbahnregelung sinnvoll sein. Sie haben ja auch die Tour zu den Zweribach-Wasserfällen in der Serie, auch da geht es mal eng zu auf den schmalen Pfaden. Aber in der Natur haben wir doch immer die Möglichkeit, auszuweichen. Da lautet die einfache Regel: Derjenige, der bergauf geht, hat Vorfahrt, der Entgegenkommende geht – wenn möglich – hangaufwärts einen Schritt zur Seite. Ich rate zu Wanderstöcken, damit ist so ein Ausweichmanöver leichter zu meistern.
Zur Person

Meinrad Joos ist seit 2019 Präsident des Schwarzwaldvereins. Er wurde in Orsingen im Hegau geboren, studierte Forstwissenschaft in Freiburg und war 16 Jahre lang bis zu seinem Ruhestand Forstpräsident am Regierungspräsidium Freiburg. Der 65-Jährige hat drei Kinder, spielt neben dem Wandern Tennis und geht gerne auf die Jagd. Hin und wieder fährt er mit dem E-Bike auf Waldwegen oder hoch zur Berggaststätte Kohlerhof.

BZ: Was ärgert Sie beim Wandern am meisten?
Joos: Wenn Wanderer völlig rücksichtslos Müll zurücklassen. Und mich ärgert auch, wenn Radfahrer und Wanderer – ich meine wirklich beide Seiten – nicht vernünftig miteinander umgehen. Es bringt nichts, zu sagen, wir Wanderer waren zuerst da, die Radfahrer sollen uns fern bleiben. Unsere Landschaft ist für alle da. Da zählen Respekt und Rücksichtnahme: Auf einem schmalen Weg steigt dann halt der Radfahrer ab und lässt den Wanderer vorbei. Allerdings gibt es auch Wege, auf denen ein Mountainbike nichts zu suchen hat, etwa auf dem Weg in der Nordwand des Belchens oder im Bereich des Felsenpfades rund um den Feldberg.
"Technik, mit der man ein Motorrad künstlich lauter machen kann, muss verboten werden." Meinrad Joos
BZ: Manche stört der Motorradlärm noch mehr als Radler. Wie sehen Sie das?
Joos: Der Lärm in den Schwarzwaldtälern beschäftigt den Schwarzwaldverein sehr. Es braucht vernünftige und funktionierende Lösungen. Motorräder können und müssen leiser werden, hier sind Umbaumaßnahmen möglich. Technik, mit der man ein Motorrad künstlich lauter machen kann, muss verboten werden. Streckensperrungen wie für den Schauinsland sind Ultima Ratio und sollten die Ausnahme bleiben.

BZ: Sehen Sie neue Wandertrends?
Joos: Wandern im Freundeskreis wird beliebter, viele junge Leute unternehmen gerne Tagestouren in der Region. In Zeiten der Fridays-for-Future-Bewegung sehen verstärkt viele Jüngere das Wandern als klimafreundliche und Corona-sichere Urlaubsform – um diese Leute müssen und wollen wir uns auch als Verein mit demografischen Problemen und Mitgliederschwund stärker kümmern.
Alle Folgen dieser Wanderserie finden Sie nach und nach unter mehr.bz/wowwandern