Integration

Wie eine Pflegefamilie mit einem minderjährigen Flüchtling lebt

Veronika Wulf

Von Veronika Wulf

So, 15. Dezember 2019 um 11:02 Uhr

Südwest

BZ-Plus Seit dreieinhalb Jahren versucht eine Familie aus dem schwäbischen Backnang im Kleinen das, was Deutschland im Großen versucht: Integration. Und sie merken: Das ist gar nicht so einfach.

Eine halbe Stunde vor der Gerichtsverhandlung, die über seine Zukunft entscheiden wird, steht Juody an dem Stehtisch eines Stuttgarter Cafés. Das weiße Hemd ist gebügelt, die schwarzen Haare gegelt, der Zeigefinger schnippt nervös gegen den Teller. Alle um ihn herum reden; die Pflegemutter, der Pflegevater, die Flüchtlingshelferin. Juody schweigt. "Wenn die dich was fragen, sprich laut und deutlich", sagt der Pflegevater, "und schau sie ruhig an." "Ich bin ganz aufgeregt", sagt die Pflegemutter. Heute entscheidet sich, ob Juody Asyl bekommt. Ob er bleiben darf in seinem neuen Leben.

Christa und Rainer Bernhardt bangen mit Juody, sorgen sich um ihn, ermuntern und tadeln ihn, freuen sich mit ihm und wundern sich über ihn. Wie Eltern das tun mit ihren Kindern. Nur dass Juody nicht ihr leiblicher Sohn ist. Seit dreieinhalb Jahren versuchen die Bernhardts aus dem schwäbischen Backnang im Kleinen das, was Deutschland im Großen versucht: Integration. Und sie merken: Das ist gar nicht so einfach.

August 2015
Juody, 16 Jahre alt, wird am 22. August von einem Lkw in Passau ausgespuckt. Ohne Gepäck, ohne Handy, nur die Kleider am Körper, Hose, T-Shirt, Turnschuhe und einen Geldbeutel. Tageslicht hatte er zuletzt in Syrien gesehen, dann fast eine Woche nicht mehr. 70 Leute im Laderaum, nur nachts stoppten die Schlepper und öffneten die Hecktür, so wird Juody es später erzählen. Er kommt über die Balkanroute, wie so viele Flüchtlinge zu dieser Zeit. Mit dem Zug fährt er nach Stuttgart und gibt bei der Polizei Fingerabdrücke und Personalien ab. Später wird er geröntgt und geimpft, bekommt einen Vormund vom Jugendamt und wird in eine Wohngruppe in Winnenden bei Stuttgart gesteckt. Dort lebt er zusammen mit elf anderen jungen Flüchtlingen, darunter ein Kurde, wie er. Doch er will lieber in eine Familie.
"In Syrien war ich immer gern zu Hause, so was wollte ich wieder", sagt Juody heute, als er auf die vergangenen Jahre zurückblickt und versucht, in Worte zu fassen, wofür er damals in der fremden Sprache noch keine Worte fand.
September 2015
Christa und Rainer Bernhardt sehen Abend für Abend die Kriegsbilder ...

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