"Es muss Mindeststandards geben"

Bernhard Walker

Von Bernhard Walker

Fr, 31. Juli 2020

Wirtschaft

BZ-INTERVIEW:Anne Markwardt vom Verbraucherzentrale Bundesverband will klare Regeln für die Kennzeichnung regionaler Produkte.

. Bei der Kennzeichnung von regionalen Lebensmitteln gebe es ein Siegel-Wirrwarr, sagt Anne Markwardt vom Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). Bund und Länder müssten deshalb Mindeststandards für das Marketing von Ware mit regionalem Bezug festsetzen. Mit Markwardt sprach Bernhard Walker.

BZ: Mehr als 80 Prozent der Verbraucher sagen laut einer Studie, dass sie gerne regionale Lebensmittel einkaufen würden. Viele fragen sich aber zugleich, was genau ein regionales Lebensmittel eigentlich ist. Wie können sie verlässliche Angaben bekommen?
Markwardt: Das ist leider nicht einfach, weil es hier ein absolutes Siegel-Wirrwarr gibt. Auf vielen Verpackungen finden sich zwar Hinweise auf eine irgendwie regionale Herkunft eines Produkts. Doch dahinter stecken sehr unterschiedliche Standards, die für Verbraucher oft kaum nachvollziehbar sind.
BZ: Gibt es überhaupt etwas, was verlässlich ist?
Markwardt: Auf EU-Ebene besteht verbindlich eine Kennzeichnung für unverarbeitetes Fleisch und Gemüse. Das ist aber eine Herkunftskennzeichnung, die nicht regional differenziert ist. Auf der Steak-Verpackung steht also zum Beispiel, dass es aus Deutschland kommt oder bei den Tomaten "Spanien". Es handelt sich um Angaben, die einen ganzen Staat betreffen. Und sobald das Fleisch oder Gemüse weiterverarbeitet wurde, zum Beispiel zu Wurst oder Fertigprodukten, gilt diese Kennzeichnungsregel schon nicht mehr.
BZ: Gibt es etwas Genaueres?
Markwardt: Es gibt das EU-weite Kennzeichen "geschützte Ursprungsbezeichnung" (g.U.), das Produkte kennzeichnet, die in einer bestimmten Region mit Rohstoffen aus der Region erzeugt wurden. Darunter sind aber kaum Produkte aus deutschen Regionen. Es gibt das Regionalfenster, das Auskunft über die Herkunftsregion, den Ort der Verarbeitung und den Anteil der verwendeten regionalen Zutaten gibt. Daneben gibt es Regionalinitiativen und auch Qualitätskennzeichen der Bundesländer, bei denen aber nicht immer alle Rohstoffe aus dem jeweiligen Bundesland kommen. Und schließlich gibt es reine Werbehinweise wie "Gutes von hier", dahinter stecken aber meist keine komplett regional erzeugten Produkte.
BZ: Was also tun?
Markwardt: Bundesregierung und Bundesländer müssen dafür sorgen, dass der Siegeldschungel gelichtet wird.
BZ: Was schlagen Sie vor?
Markwardt: Wir brauchen einheitliche Mindeststandards für jegliche Form des Marketings mit regionalem Bezug. Das bestehende Modell des so genannten Regionalfensters kann dafür eine Basis sein, es muss aber weiterentwickelt und bekannter werden.
BZ: Was heißt das?
Markwardt: Zum Beispiel sollte der Mindestanteil regionaler Zutaten perspektivisch angehoben werden, landesübergreifende Regionen sollten konkret beschrieben werden. Damit würde so mancher Hersteller, der das Regionalfenster nutzen will, höhere Ansprüche erfüllen müssen: Er müsste mehr Rohstoffe und Zutaten aus der Region beziehen. Das mag anspruchsvoll sein. Dafür können Erzeuger dann aber im Wettbewerb mit der eindeutig regionalen Ware punkten, die sich viele Verbraucher wünschen.
BZ: Sie wollen also kein neues Label, sondern das Regionalfenster regionaler machen. Wer kann das durchsetzen?
Markwardt: Da ist die Bundesregierung am Zug. Das Regionalfenster stammt aus der Zeit, als Ilse Aigner Bundesagrarministerin war. An diesen Ausgangspunkt sollte die Regierung anknüpfen und mit den Ländern den bundesweit einheitlichen Mindeststandard schaffen.
BZ: Aber das bliebe rein freiwillig?
Markwardt: Die Kennzeichnung als "regional" bliebe freiwillig, denn es wird immer auch nicht regionale Produkte geben. Aber es muss das Ziel sein, dass bei regionalen Produkten bestimmte Mindestkriterien erfüllt sind. Die muss es schlussendlich auf EU-Ebene geben, um sie für alle verbindlich zu machen. Aber bis dahin sollte es trotzdem nationale Kriterien geben, an die sich alle halten.
BZ: Die Regierung hat eine "Zukunftskommission Landwirtschaft" eingesetzt, in der auch der VZBV vertreten ist. Wird das Thema regionale Lebensmittel dort eine Rolle spielen?
Markwardt: Das ist zumindest unser Ziel. Bis Sommer 2021 soll die Kommission Empfehlungen erarbeiten.
BZ: Im Herbst 2021 sind Bundestagswahlen. Dann passiert also nichts mehr.
Markwardt: Das Ziel ist es, Empfehlungen vorzulegen, die die Große Koalition, aber natürlich auch eine künftige Regierung, aufgreifen kann. Die Arbeit ist also wegen eines Wahltermins nicht vergebens.

Anne Markwardt (38) leitet das Team Lebensmittel beim Verbraucherzentrale Bundesverband. Sie ist seit fast 13 Jahren in der Ernährungs- und Verbraucherpolitik tätig und engagiert sich besonders für eine nachhaltigere Lebensmittelproduktion.