Rust

Wie gut kann der Europa-Park die Corona-Maßnahmen umsetzen?

Michael Saurer

Von Michael Saurer

So, 02. August 2020 um 13:57 Uhr

Südwest

Der Europa-Park bemüht sich, die Corona-Vorschriften durchzusetzen – doch bei 15.000 Besuchern ist das kaum möglich. Vor Attraktionen und Essensständen stehen die Wartenden dicht an dicht.

Man kann dem Europa-Park nicht vorwerfen, sich nicht um die Corona-Schutzmaßnahmen zu bemühen. Kaum sind die Fahrgäste der Hochgeschwindigkeits-Achterbahn Blue Fire aus ihren Sitzschalen ausgestiegen, sausen die Mitarbeiter heran, desinfizieren Sitze und Haltegriffe. In regelmäßigen Abständen wiederholt sich das Schauspiel.

Auch an den anderen Attraktionen wird auf Hygiene geachtet, bei Achterbahnen wie dem Silverstar oder dem Alpenexpress oder auch ruhigeren Fahrgeschäften wie dem nach einem Großbrand 2018 erst am Dienstag wiedereröffneten "Piraten in Batavia". Zudem müssen die Fahrgäste Masken tragen, in den Wartebereichen sind gelbe Markierungen im 1,5 Meter-Rhythmus eingelassen, die den den Abstand zu den Vorder- und Hinterleuten regulieren sollen.

Ein Facebook-Video sorgt für Diskussionen

Doch reicht das, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern? Erst vor Kurzem wurde ein Video auf Facebook heftig diskutiert, das eine Parkbesucherin gemacht hat und den Eindruck erweckt, im Park herrsche ein dichtes Gedränge, ganz so, als hätte es das Corona-Virus nie gegeben. "Die kommen von überall her", betont sie auf Schweizerdeutsch. "Sowas von voll. Katastrophe, einfach nur Katastrophe."

Der Park will die Kritik so nicht gelten lassen und antwortet auf Facebook, dass dies nur eine Momentaufnahme sei, dass die Achterbahn Silverstar wegen eines Defekts geschlossen werden musste und es deshalb zu der kurzzeitigen Ansammlung gekommen sei. Das Unternehmen bedauere, dass das Video den Eindruck vermittle, dies sei im Park generell der Fall. Der Mindestabstand müsse eingehalten werden. "Dies ist hier leider nicht der Fall gewesen und dafür entschuldigen wir uns."

Doch wie ist die Situation tatsächlich? Und ist es für eine Einrichtung wie den Europa-Park überhaupt möglich, einen umfassenden Schutz vor dem Virus zu gewährleisten?

Auf der Zufahrtsstraße herrscht Stau

Es ist Dienstag, gegen 9.30 Uhr. In Baden-Württemberg haben die Sommerferien noch nicht begonnen, und doch herrscht auf der Zufahrtsstraße Stau. Fast eine Stunde Wartezeit müssen die Fahrer für die kurze Strecke von der Autobahn bis auf den Besucherparkplatz einrechnen. Laut der Pressestelle des Parks ist das auch so gewollt. Alle 15.000 Tickets wurden online an diesem Tag verkauft. Indem man den Zugang zu den Parkplätzen verzögert, möchte man verhindern, dass alle 15.000 auf einmal durch den schmalen Eingang hineinströmen – samt entsprechendem Gedränge.

Doch auch so werden die Eingänge zu Nadelöhren. Vor den Ticketkontrollen, im dahinterliegenden deutschen Themenbereich, drängen die Besucher dicht an dicht herein. Teilweise berührt man sich zwangsläufig – es ist eine schmale Gasse und wenn tausende Besucher auf einmal in den Park wollen, kann das nicht ausbleiben. Szenen wie in dem Facebook-Video könnte man zu dieser Zeit an diesem Tag viele aufnehmen.

Immerhin eines fällt auf: Sehr viele Besucher tragen auch im Freien einen Mund-Nasen-Schutz – bei Temperaturen jenseits der 30 Grad. Und obwohl sie das eigentlich gar nicht müssten. Lediglich in den überdachten Bereichen und in allen Attraktionen herrscht Maskenpflicht – im Freigelände nicht. Doch die Besucher zeigen sich diszipliniert.

Stoßzeiten an Essensständen machen Probleme

Zur Mittagszeit zerläuft sich die Masse etwas. Im englischen Themenbereich ist es ruhig geworden, herrscht eine entspannte Atmosphäre. Auch in anderen Ecken des Parks merkt man, dass die Zahl der Besucher niedriger ist als sonst. Im Vorjahr waren es zu dieser Zeit zwischen 25.000 und 40.000 Besucher, die täglich in den Park kamen, wie die Pressestelle bestätigt.

Doch zum Gesamtbild gehört auch – die Menschen werden hungrig – ein dichtes Gedränge an den Essensständen. Wer eine Portion Pommes-Frittes kaufen möchte, muss sich in eine meterlange Schlange einreihen. Abstand? Fehlanzeige. Mittlerweile haben laut Park zwar fast alle gastronomischen Betriebe wieder geöffnet – aber auch hier gibt es eben Stoßzeiten, zu denen besonders viele Menschen bedient werden wollen.

Doch nicht nur vor den Restaurants und Imbissständen stauen sich die Besucher. Auch vor den Hauptattraktionen wie etwa den Achterbahnen herrscht – wie üblich – an diesem Dienstag eine längere Wartezeit. Gute 30 Minuten muss warten, wer einmal den Looping des Blue Fire erleben will. Das ist wenig für Europa-Park-Verhältnisse. Aber die Wartenden stehen dicht an dicht. Die gelben Markierungen, die den vorgeschriebenen 1,5 Meter-Abstand anzeigen, werden fast durchgängig ignoriert.

Vom Personal ist nichts zu sehen, niemand weist auf die Pflicht zu größeren Abständen hin. Immerhin – praktisch alle tragen die vorgeschriebene Maske. Das sei selbstverständlich, sagt Simon Rieger aus dem Schweizer Kanton Thurgau. Der 21-Jährige ist an diesem Tag mit seiner Freundin nach Rust gefahren und steht nun seit 20 Minuten in der Schlange des Blue Fire. Dass niemand auf den Abstand achte, hätte ihn auch gewundert. "Aber wir tragen ja alle Mundschutz. Das Risiko einer Infektion ist gering."

Mit Lautsprecherdurchsagen wird auf Maßnahmen hingewiesen

An allen größeren Attraktionen stauen sich die Besucher, wird der Abstand kaum kontrolliert – was logistisch auch nur schwer möglich wäre. Die Wartebereiche sind oft hunderte Meter lang, verwinkelt und schmal. Niemand könnte hier einfach so auf Abstände hinwirken. "Wir weisen die Besucher vor und während des Besuchs eindringlich auf die geltenden Abstands- und Hygienemaßnahmen hin", heißt es dazu aus dem Park. Das ist richtig. Am Eingang, über Lautsprecherdurchsagen – überall versucht der Park, auf die geltenden Abstandsregeln aufmerksam zu machen. Es sind Appelle, die teilweise umgesetzt werden, wie bei den Masken, und teilweise eben nicht, wie in den Schlangen vor den Fahrgeschäften und Essensständen.

Simon Rieger, der Besucher aus der Schweiz, hat seine Fahrt im Blue Fire mittlerweile beendet. Er sieht zerzaust aus, die Loopings haben Spuren hinterlassen – aber er lächelt. "Boah, das war geil", sagt er und rückt seinen Mundschutz zurecht. Trotz der Unsicherheit wegen des Virus habe sich der Besuch für ihn gelohnt. Nun steht ein weiterer Höhepunkt an, wie er es ausdrückt. Die kurz zuvor wiedereröffneten Piraten in Batavia möchte er nun anschauen. Das heißt: wieder Schlange stehen.

Die Wiedereröffnung der "Piraten" an diesem Tag ist für den Park ein wichtiges Ereignis, das aber wegen des Virus mit einem Schatten belegt ist. Doch dieser liegt über vielen Bereichen des Parks. Die Betreiber wissen, wie sensibel das Thema ist, wie sehr ein Ausbruch im Park zu Konsequenzen führen könnte. 15.000 Besucher seien für Europa-Park-Verhältnisse nicht viel, sagte Park-Chef Roland Mack am Dienstag bei der Wiedereröffnung der Piratenattraktion. "Aber es fühlt sich nach mehr an", schiebt er hinterher. Doch es ist mehr als ein Gefühl, das Gedränge ist an neuralgischen Punkten Realität. Und es lässt sich praktisch nicht vermeiden. Auch wenn der Park sich sichtlich bemüht.