Sage mir, wie du fährst – und wo

René Zipperlen

Von René Zipperlen

So, 01. Dezember 2019

Auto & Mobilität

Der Sonntag Gebührenrabatte für Gläserne Autofahrer: Was steckt hinter den neuen Telematik-Tarifen?.

Ein Drittel weniger für die KFZ-Versicherung bezahlen? Das klingt verlockend. Die neuen Telematik-Tarife nehmen Fahrer aber in die Totalüberwachung. Für Datenschützer ist das das Grauen. Droht der gläserne Autofahrer?

Die aktuelle Werbung des Versicherungsriesen Huk-Coburg klingt bestechend: Wer umsichtig und vorausschauend Auto fährt, kann bis zu 30 Prozent seiner Versicherungsprämie sparen. Auch andere Versicherer wie Allianz, HDI, VHV oder Cosmos Direkt belohnen seit einigen Monaten vorsichtiges Fahrverhalten, jungen Fahrerinnen und Fahrern werden solche Tarife schon länger angeboten. Rund 150 000 der neuen Angebote hat die Allianz abgeschlossen. 90 000 zählt die Huk – bei insgesamt zwölf Millionen versicherten Fahrzeugen. Experten rechnen aber mit einem Potenzial von rund 25 Prozent der Kunden.

Nun sind Versicherungskunden träge Wesen. Doch die neuen Bonustarife verlangen großes Vertrauen. So preist die Allianz die Tarife an für "jeden, der vom eigenen Fahrverhalten profitieren möchte". Doch könnte man auch sagen: Für jeden, der kein Problem damit hat, seinen Versicherer zu jeder Zeit wissen zu lassen, wo man sich wann und wie mit dem Auto bewegt oder nicht bewegt hat. Denn das ist Voraussetzung für die Belohnung.

Das Zauberwort für Tarife, deren Höhe sich am tatsächlichen Fahrverhalten bemisst, lautet Telematik. Eine App, ein Sensor im Auto oder beide zusammen erfassen das komplette Fahrverhalten: Bremst jemand sanft oder heftig, wird mit quietschenden Reifen beschleunigt, gelten Kurven als sportliche Herausforderung oder als potenzielle Gefahrenstelle? Wird das Tempolimit eingehalten? Zu welcher Tageszeit wird gefahren? Auf welcher Straße? Und wo?

Aus all diesen Daten, aus denen sich ein vollständiges Bewegungsprofil ableiten ließe, wird ein Score errechnet. Je mehr Punkte man durch Umsicht eingefahren hat, desto höher fällt der Bonus aus. Fährt man seinen Score in Grund und Boden, entfällt nur der Bonus, Strafgebühren gibt es keine.

Für Datenschützer wie den Freiburger Rechtsanwalt Udo Kauß ist die totale Erfassung ein Gräuel, eine Version von George Orwells Überwachungsdystopie "1984" mit den Mitteln des Marketing. "Im Grunde ist das Vorratsdatenspeicherung mit Bewegungsprofil. Wer sein Fahrverhalten protokolliert, gibt sein Verhalten über teilweise viele Stunden täglich preis." Kauß meint auch, dass solche Daten "naturgemäß das Interesse von Polizei und Geheimdiensten wecken". Wie auch nicht? Man denke nur an Ermittlungen zu tödlichen Unfällen.

Die Versicherer beteuern hingegen zum einen, keine Daten weiterzugeben. Und zum anderen, dass sie selbst keine Verbindung herstellen können zwischen Kundennamen und dem aufgezeichneten Verhalten und den Aufenthaltsorten. Die Daten würden ohne Namen bei externen Dienstleistern verarbeitet. Die Versicherer erhielten zur Auswertung lediglich den errechneten Score zurück. Ganz anonym geht das freilich nicht, denn das Ergebnis der Auswertung muss auf Fahrer oder Fahrerin zurückgeführt werden können. Die Versicherer "pseudonymisieren" die Daten.

Für Udo Kauß ist dieses System "reine Augenwischerei". Versicherer wie die Huk-Coburg beschäftigen für die Auswertung eigene Tochterfirmen. "Die Pseudonymisierung der Daten kann jederzeit aufgelöst werden. Bildlich gesprochen, ist der Schlüssel dazu ja nie weggeworfen worden."

Was aber macht die Telematik-Tarife für Versicherer interessant? Diese nehmen schließlich zunächst viel Geld in die Hand, um weniger Geld einzunehmen. Für die Huk sind die individualisierten Tarife zunächst ein wichtiges Instrument zur Kundengewinnung in einem hart umkämpften Markt. "Eine vorausschauende und sichere Fahrweise bedeutet Sparmöglichkeiten", erklärt Sprecherin Karin Benning. Und letztlich weniger Unfälle. "Das freut auch uns als Versicherer." Andere Versicherer wie die Allianz äußern sich fast gleichlautend.

Doch kann man überhaupt so vorsichtig fahren, dass man eine Chance auf den vollen Rabatt hat? Die Versicherer geben die erfassten Profile nicht an die Kunden, die zur Berechnung verwendeten Algorithmen bleiben Geschäftsgeheimnis. Inzwischen liegen erste Ergebnisse vor. Telematik-Kunden der Allianz erhielten im Schnitt eine Fahrbewertung von 85 von maximal 100 Punkten. Das reiche zur "Silbermedaille" und einem Jahresbonus von 20 Prozent, so Sprecher Christian Weishuber. Bei der VHV soll es gar einen Fahrer geben, der sich auf 29 Prozent Bonus geschlichen hat.

Es gibt noch einen Punkt: Daten sind digitales Gold. Selbst aus der Versicherungsbranche ist zu hören, dass diese trotz Pseudonymisierung ein potenzieller Schatz sind – schon die Risikoprofile sind interessant. Kauß geht sogar "ganz sicher davon aus, dass mit diesen Daten auch gehandelt wird und sie in Hände Dritter gelangen". Solche Fälle habe man bereits erlebt.

Der Freiburger Datenschützer empfiehlt daher : "Wer seine Datensouveränität nicht aufgeben möchte, lässt sich auf so etwas besser nicht ein." Auch der ADAC, der für 20,7 Millionen Mitglieder Autos, Reifen und Werkstätten testet, empfiehlt: "Jeder sollte für sich genau prüfen, ob ein Telematik-Tarif für ihn mit seinem Mobilitätsbedürfnis einen Vorteil bringt. Dafür muss absolute Transparenz bei den Angeboten herrschen." Selbst beurteilen wollten die Versicherungsexperten des Automobilclubs die bekannten Tarife und deren Transparenz auf Nachfrage aber nicht.

Noch erklären sich Versicherer nicht dazu, ob Telematik das bisherige Tarifsystem eines Tages ablösen soll und Pflicht werden könnte. Doch sagt die Huk: "Digitalisierung wird immer mehr Möglichkeiten bieten, noch besser auf individuelle Kundenbedürfnisse einzugehen."