Öffnungen

Wie läuft der Schweizer Sonderweg der Eigenverantwortung?

Annika Sindlinger

Von Annika Sindlinger

So, 02. Mai 2021 um 10:18 Uhr

Basel

Der Sonntag Mitten in der dritten Welle sind in der Schweiz Außengastronomie, Sport und Kultur geöffnet. Der Druck durch Wirtschaftsverbände und die Stimmung in der Bevölkerung spielten dabei eine entscheidende Rolle.

Ein ähnlich hoher Inzidenzwert wie in Deutschland, aber dennoch ein anderer Weg: Die Schweizer befinden sich seit einigen Wochen inmitten der dritten Welle der Pandemie und trotzdem hat die Regierung weitreichende Lockerungen beschlossen. Restaurants und Bars dürfen seit zwei Wochen ihre Außenbereiche wieder öffnen, Kultur- und Freizeitbetriebe sowie Sportanlagen sogar ihre Innenräume nutzen. Die Stimmung in der Bevölkerung spielte dabei eine entscheidende Rolle – und der massive Druck durch die Wirtschaftsverbände.

Der Kontrast zu Deutschland könnte nicht größer sein

Eine Oper im Theater besuchen, einen Film im Kino anschauen, einen Kaffee auf einer sonnigen Terrasse genießen oder im Fitnessstudio an seine Grenzen gehen: All das ist seit dem 19. April bei den Schweizer Nachbarn wieder möglich. Museen und Geschäfte haben schon seit zwei Monaten wieder auf. In Südbaden dagegen warten die Restaurantinhaber und Kulturschaffenden noch immer auf gute Nachrichten und die Einzelhändler erleben ein ständiges Auf und Ab. Der Kontrast zu Deutschland, wo gerade die Bundesnotbremse beschlossen worden ist, könnte nicht größer sein.

"Wir haben euch vermisst", steht am Dienstag mit Kreidefarbe auf einer Tafel am Kunstmuseum in Basel. Darunter sind die neuen Bistro-Öffnungszeiten notiert. Im Innenhof des Museum steht auf einem kleinen Tisch ein Desinfektionsmittelspender bereit. Darunter weist ein laminiertes Poster auf die Corona-Vorschriften hin. Wer sich an einen der Metalltische unter den weißen Sonnenschirmen niederlassen will, muss zuerst seine Kontaktdaten hinterlassen. Die Formulare dafür stecken in einem Klemmbrett, das auf dem Tisch bereit liegt.

Wo noch vor kurzem Tische zusammengeklappt und Stühle gestapelt waren, sitzen jetzt wieder Menschen bei Nüsslisalat und Rösti.

"Wir sind sehr froh, dass wir wieder aufmachen durften. Die Angestellten und wir alle sind glücklich, wieder zu arbeiten" Peter Wyss

"Wir sind sehr froh, dass wir wieder aufmachen durften. Die Angestellten und wir alle sind glücklich, wieder zu arbeiten", erzählt Peter Wyss, Geschäftsführer der "Walliser Kanne" in der Gerbergasse. Ebenso gefreut hätten sich die Gäste. "Man hat ihnen die Freude direkt angemerkt. Der Ansturm am ersten Tag war groß", sagt der Schweizer Gastronom. Wieder raus gehen zu können und etwas zu essen, das man nicht selbst gekocht habe und das kein Take-away sei, danach hätten sich die Leute gesehnt.

Doch gelockert ist nicht gleich locker: Sowohl in der Außengastronomie als auch bei Veranstaltungen gelten strikte Vorschriften. Auf Terrassen darf nur im Sitzen konsumiert werden, nur vier Personen können zusammen sitzen und Masken dürfen nur beim Verzehr abgenommen werden. Überall muss Abstand gehalten werden. Wo das nicht möglich ist, sind Trennwände aus Plexiglas aufgestellt worden.

Höchstens 50 Gäste in Innenräumen

"Heute 19:30 Uhr Oper Intermezzo", ist auf der Anzeige über dem Eingang am Basler Theater zu lesen. Nach vier Monaten Pause ging es auch hier inzwischen weiter. Am 22. April feierte die bürgerliche Komödie von Richard Strauss Premiere. Vor einem kleinen Publikum. Denn in Kinos, Theater und Konzerthäuser dürfen höchstens 50 Gäste. Bei kleineren Räumen kann nur ein Drittel der Sitze genutzt werden. Bei Veranstaltungen im Freien wie Konzerten oder Fußballspielen sind 100 Zuschauer erlaubt.

Auch die Basler gehen in den meisten Fällen nicht mehr ohne Maske vor die Haustüre. Auf dem Markt und in belebten Teilen der Fußgängerzone gilt Maskenpflicht, ebenso an Flughäfen, im öffentlichen Verkehr, auf Bahnsteigen und im Haltestellenbereich. Auch am Arbeitsplatz muss eine Maske getragen werden, wenn mehr als zwei Personen im Raum sind. Das betrifft auch Schüler der Oberstufe.

Hosen für 15 Franken

Die Personenzahl in den Geschäften ist begrenzt. Als die Geschäfte Anfang März wieder öffnen durften, bildeten sich teils lange Schlangen vor den Läden. Schon damals warben die Einzelhändler mit Rabatten. Das ist noch immer so, doch Schlangestehen muss man am Dienstagmittag nicht. Mit Hosen für 15 Franken wirbt ein Schild an einer Kleiderstange vor einem Modegeschäft in der Gerbergasse. Eine Passantin bleibt stehen und geht die Kleiderbügel durch. Sie entscheidet sich für zwei Hosen und geht damit ins Geschäft, um sie anzuprobieren. Am Lebensmittelmarkt "Denner" in der Riehenstraße dagegen regelt eine Ampel den Einlass. Nur 29 Kunden dürfen hier zeitgleich ins Geschäft. Ist diese Zahl erreicht, springt die Ampel automatisch auf Rot.

Bei schönem Wetter zieht es die Basler ins Freie. Sie sitzen nicht nur draußen vor den Restaurants oder Cafés zusammen, sondern auch am Rheinufer. Oder sie treffen sich, um Sport zu machen. Zwei Frauen, die Gymnastikbänder mit ihren Oberschenkeln auf Spannung halten, trippeln seitwärts auf der Promenade unter der Wettsteinbrücke hindurch. Ihre Jacken und Rucksäcke liegen auf einer Bank daneben. Ein Frachtschiff zieht rheinaufwärts vorbei, während zwei Läufer zu einem Zwischensprint ansetzen.

Die Lage hat sich in den vergangenen Wochen verschlechtert

Dass die Schweizer es anders machen, weckt in Südbaden Begehrlichkeiten. Gerne würde man auch wieder ins Restaurant, ins Kino oder in die Oper. Doch die Lockerungen haben im Ausland sowie bei einigen Schweizer Virologen und Politikern auch für Kopfschütteln gesorgt. Denn die Lage hatte sich in den vergangenen Wochen in der Schweiz verschlechtert. Die Zahlen stiegen und waren teilweise deutlich höher als in Baden-Württemberg.

Aber die Nachbarn zeigen sich liberal und setzen wohl auf Eigenverantwortung – wie auch schon im vergangenen Jahr. Für Peter Wyss hätten die Lockerungen noch weiter gehen können. "Nur Außengastronomie zu erlauben, ist eigentlich falsch. Aber es ist nun einmal so beschlossen worden, also müssen wir uns auch daran halten", sagt er. Nur mit Außengastronomie verdiene er sehr viel weniger als sonst, gerade wenn das Wetter nicht immer passe. "Wir haben aber aufgemacht, um den Gästen eine Freude zu machen", sagt der Geschäftsführer.

"Ich bin der Meinung, dass Restaurants mit der Möglichkeit, alle Abstände regelkonform einhalten zu können, auch ihre Innenbereiche öffnen sollten" Raphael Germana

Fünf Monate Zwangspause seien wirtschaftlich desaströs, sagt auch Raphael Germana, der Geschäftsführer des Restaurants "Kohlmanns". Die Schweizer Gastronomen hätten sich mehr Transparenz und mutigere Entscheidungen von der Politik gewünscht. Auch er würde gerne mehr Gästen einen Tisch geben können. "Ich bin der Meinung, dass Restaurants mit der Möglichkeit, alle Abstände regelkonform einhalten zu können, auch ihre Innenbereiche öffnen sollten", so Germana. Dennoch mache die große Terrasse seines Restaurants wirtschaftlich Sinn.

Zu einer Explosion der Fallzahlen ist es seit der Öffnung der Geschäfte, Museen und Zoos Anfang März nicht gekommen. Aktuell sinken die Infektionszahlen leicht. Die jüngsten Lockerungen schlagen sich jedoch noch nicht in den Zahlen nieder. Die kommenden Wochen werden zeigen, wie weit die Schweizer mit ihrer Eigenverantwortung auf ihrem Sonderweg kommen.