Flüchtlingshilfe

Wie sich die Arbeit der Helferkreise im Markgräflerland seit 2015 verändert hat

Susanne Ehmann, Martin Pfefferle & Sophia Hesser

Von Susanne Ehmann, Martin Pfefferle & Sophia Hesser

Fr, 04. September 2020 um 17:39 Uhr

Heitersheim

Ehrenamtliche unterstützen in den Helferkreisen des Markgräflerlandes Geflüchtete – sie berichten von ihrer Integrationsarbeit.

Vor fünf Jahren versprach Bundeskanzlerin Angela Merkel "Wir schaffen das" angesichts der Vielzahl von Geflüchteten, die in Deutschland Sicherheit, Arbeit und damit eine Zukunft suchten. Haben wir es wirklich geschafft? Helferkreise aus Müllheim, Neuenburg am Rhein, Bad Bellingen und Heitersheim berichten.

Müllheim

"Integration kann nicht innerhalb von fünf Jahren passieren", sagt Myriam Egel vom Müllheimer Helferkreis Zuflucht. Deshalb könne man noch nicht davon sprechen, dass man es geschafft habe. Aber man könne es schaffen, davon ist Egel überzeugt.

Der Verein, der sich 2016 gegründet hat, hat mittlerweile mehr als 100 Mitglieder, aktive Helfer gebe es zwischen 20 und 50. Zu Beginn habe man sich viel um die Grundbedürfnisse der Geflüchteten gekümmert, jetzt betreue man die Menschen bei Ämtergängen, bei medizinischen Fragen und beim Deutschlernen. Der Verein ist auch eine Anlaufstelle für Arbeitssuchende, die dienstagvormittags bei einer Art Jobbörse Arbeitgeber kennenlernen können. So will der Verein Geflüchteten zu einer Arbeit verhelfen.

Derzeit leben in Müllheim 330 Geflüchtete. Zwar fühlten sich viele angekommen, doch sie lebten häufig zwischen den Kulturen, sagt Egel. Sie vermisst die Offenheit der Deutschen, die es 2015 noch gab. Die Hilfsbereitschaft im Verein lasse glücklicherweise aber nicht nach.

Neuenburg am Rhein

"Wir haben sehr viel geschafft", sagt August Walz, Vorsitzender des Neuenburger Vereins Sichtbar Ankommen. Es gebe immer mal einen Rückschlag, doch man sei in Neuenburg insgesamt auf einem guten Weg. "Die Leute bemühen sich sehr um die Flüchtlinge."

2014 startete der Helferkreis, aus dem der Verein hervorging, mit seiner Arbeit. Diese habe sich seither sehr gewandelt, sagt Walz. Anfangs seien es einfachste Hilfestellungen gewesen, etwa beim Einkaufen oder beim Arztbesuch. Heute unterstützen die Helfer des Vereins die Flüchtlinge bei der Suche nach Arbeit, Ausbildungsplätzen, bei Schulausbildung und -abschlüssen, bei Behördengängen oder bei der Wohnungssuche. Gerade Letzteres sei schwierig, so Walz. Und Corona habe die Arbeit des Vereins nun sehr erschwert. Doch es gebe Erfolgserlebnisse, etwa wenn wieder einige ihre Ausbildung abschließen oder eine Ausbildung beginnen. Viele haben zudem feste Arbeitsverhältnisse.

Etwa 80 Flüchtlinge betreut der Verein in Neuenburg, davon rund 50 regelmäßig. Die meisten kommen aus Eritrea, Syrien und Gambia. Etwa 120 Flüchtlinge leben nach Auskunft der Stadt derzeit in Neuenburg. 14 Menschen sollen in diesem Jahr noch kommen. Nach Auskunft der Stadtverwaltung sei man im Austausch mit Sichtbar Ankommen und bitte immer wieder um Unterstützung.

Heitersheim

"Geschafft haben wir es noch lange nicht", sagt Renate Kilwing von der Flüchtlingshilfe "Willkommen in Heitersheim". Es gebe einfach immer noch zu viele Menschen ohne Perspektive. Vor allem der Wohnungsmangel mache es Geflüchteten schwer, eine Wohnung zu finden und damit anzukommen."Die erste Frage an uns ist immer, ob wir von einer Wohnung für sie wissen", erzählt Kilwing. "Die Stadt hat aber keine Wohnungen für Geflüchtete." Auch Menschen, die weniger sprachbegabt sind, hätten es sehr schwer. Dazu kommen zahlreiche Traumata, die bei vielen jetzt erst zum Vorschein kommen – auch bedingt durch das Warten, vermutet Kilwing. "Manche warten seit fünf Jahren und nicht passiert, das zermürbt."

Sie sagt aber auch: Viele Geflüchtete haben es geschafft. Sie haben Arbeit, eine Wohnung und sind somit selbstständig. Zu ihnen hat der Helferkreis meist keinen Kontakt mehr – ein gutes Zeichen, denn seine Hilfe wird nicht mehr gebraucht, so Kilwing. Derzeit gebe es etwa 60 Geflüchtete im Ort. Der Verein hat sich mittlerweile integrativen Projekten verschrieben.

Bad Bellingen

Die Gemeinde Bad Bellingen nahm fast ausschließlich jesidische (aus dem Irak) stammende Frauen und Kinder auf. Heide Langguth war eine Helferin der ersten Stunde und sie berichtet, dass viele der teilweise auseinandergerissenen Familien noch heute im Ort leben. "Sie wurden sehr gut betreut", sagt Langguth. Der Helferkreis habe sich unglaublich gekümmert und etwa Wohnungen ausgestattet. Inzwischen gibt es nur noch eine Whatsapp-Gruppe.

Irmgard Stöcklin war eine der engagierten Helferinnen. Sie hat heute noch Kontakt zu drei jesidischen Familien, macht mit ihnen etwa Einkaufsfahrten oder begleitet sie zum Arzt. "Die Frauen sind inzwischen sehr selbständig", sagt Stöcklin.

Samire Uygur, eine Kurdin, die aus der Türkei stammt, fungierte damals als Dolmetscherin. Viele Frauen seien traumatisiert, weshalb sie auch bis heute nicht hundertprozentig integriert seien. Heute melden sich die Flüchtlinge, wenn sie Bedarf haben – doch das tun sie sehr selten. Zuständig sind inzwischen die Sozialarbeiterinnen Maria Feher und Burbuce Nezirov von der Diakonie. Laut Hauptamtsleiter Hubert Maier leben derzeit 62 Flüchtlinge in Bad Bellingen – teilweise privat untergebracht, teilweise in Gemeindeunterkünften.