Wirecard-Pleite hat Folgen

dpa

Von dpa

Sa, 27. Juni 2020

Wirtschaft

Finanzaufsicht soll verbessert werden / Vorstand verschwunden.

Nach dem auf mutmaßlich kriminelle Machenschaften zurückzuführenden Milliardencrash des Dax-Konzerns Wirecard gerät die Bundesregierung unter Druck aus Brüssel. Die EU-Kommission schaltet die europäische Finanzaufsicht ESMA ein. Die Aufseher sollen den Zusammenbruch des Münchner Zahlungsdienstleisters und mögliche Versäumnisse der Aufsichtsbehörden unter die Lupe nehmen. Bis 15. Juli soll ein vorläufiger Untersuchungsbericht vorliegen. Das geht aus einem Schreiben der Kommission an die ESMA hervor, das der Deutschen Presse-Agentur vorlag.

Die Bundesregierung ist alarmiert – und will ihrerseits prüfen, ob es an der Aufsicht haperte: "Das ist ein besorgniserregender Fall", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. "Und natürlich muss es darum gehen, Schaden vom Finanzplatz Deutschland insgesamt abzuwenden." Am Vorabend hatte Finanzminister Olaf Scholz (SPD) bereits angekündigt, die Aufsichtsstrukturen auf den Prüfstand stellen zu wollen. O-Ton Scholz: "Der Fall Wirecard AG ist ein Skandal, der in der Finanzwelt schon seinesgleichen sucht." Das Finanzministerium soll in den nächsten Tagen ein Konzept ausarbeiten.

Ebenso in der Kritik wie die Bafin sind die Bilanzprüfer, die die Jahresabschlüsse des Konzerns testierten und in den vergangenen Jahren keinen Hinweis auf Manipulationen entdeckten. Das Wirtschaftsministerium sieht auch die Prüfungsgesellschaften in der Verantwortung. "Die müssen natürlich Fehler in Bilanzen frühzeitig erkennen und wenn das schief gelaufen ist, dann auch tatkräftig dazu beitragen, das aufzuarbeiten", sagte eine Sprecherin.

Wie es mit dem Unternehmen weitergeht, und ob Wirecard überhaupt eine Zukunftsperspektive hat, ist völlig ungeklärt. Das Münchner Amtsgericht hat den Anwalt Michael Jaffé als vorläufigen Insolvenzverwalter eingesetzt, der nun die Überlebensfähigkeit des Unternehmens einschätzen muss – was angesichts der sehr schwierigen Lage dauern kann.

Rätselraten herrscht unterdessen über den Aufenthaltsort einer Schlüsselfigur des Skandals. Nach den Daten der philippinischen Einwanderungsbehörde reiste der frühere Wirecard-Vorstand Jan Marsalek am Dienstag in das südostasiatische Land ein und am Mittwoch über den Flughafen Cebu weiter nach China. Allerdings zeigten die Videoaufzeichnungen des Flughafens nicht, dass Marsalek das Land verlassen habe, sagte Justizminister Menardo Guevarra am Donnerstag dem Fernsehsender CNN Philippines. In China gilt wegen der Corona-Krise eine Einreisesperre für Ausländer – und diejenigen, die ins Land dürfen, müssen 14 Tage lang in Quarantäne. Marsalek war im Wirecard-Vorstand für das operative Tagesgeschäft zuständig und am Montag fristlos entlassen worden.