Wissen verhindert, dass sich Geschichte wiederholt

Markus Zimmermann

Von Markus Zimmermann

Di, 03. September 2019

Emmendingen

Zum europäischen Tag der jüdischen Kultur gab es in Museum, Mikwe und Synagoge einen regen Gedankenaustausch.

EMMENDINGEN. Freie Stühle Fehlanzeige. Als am Sonntagvormittag Rabbiner Yaakov Yosef Yudkowsky seinen Vortrag über "Gesetze und Bräuche aus rabbinischer Sicht" im Dachgeschoss des jüdischen Museums hält, müssen sich die letzten Besucher mit einem Platz auf dem Boden oder den Treppenstufen begnügen. Unübersichtlich groß ist das Interesse am Programm, das der Verein für jüdische Geschichte und Kultur und die Jüdische Gemeinde zum europäischen Tag der jüdischen Kultur anbieten. Bis zum abschließenden Konzert im Alten Rathaus, das mehr als 60 Zuhörer besuchen.

"Es gab Jahre, da war der Besuch deutlich geringer", freut sich Olga Maryanovska über gut belegte Tische, ein dicht umlagertes Buffet und intensive Gespräche auf dem Platz vor dem Simon-Veit-Haus. Jüdische Kultur lässt sich hier trefflich schmecken, bei Challa, dem Zopfbrot, das an Feiertagen gereicht wird, aber auch Humus, Matzetorte, Couscous und "gefilte Fisch", das, ursprünglich aus dem Ostjudentum stammende, mittlerweile als jüdische Speise schlechthin geltende Gericht. Ausgeschenkt wird dazu neben Säften, Wasser und Kaffee auch Wein und Sekt – natürlich alles koscher.

Jüdische Kultur, das ist neben bestimmten Speisen und Getränken, Literatur, Malerei und Musik, untrennbar aber auch mit dem Gespräch verbunden, mit Lehren, Lernen, Fragen und Diskussion. Den ganzen Tag über gibt es dazu reichlich Gelegenheit und was bei Vorträgen und Gesprächen, bei Führungen durch Museum, Mikwe und Synagoge angeregt wird, findet vielfach seine Fortsetzung im kleinen Kreis. Menschen, die in kleinen Gruppen, gelegentlich auch im Dialog ins Gespräch vertieft sind, einen intensiven Austausch pflegen, gehören fest zum Szenario an diesem Tag. Im Jüdischen Museum, in dem bis Ende Oktober auch noch die Sonderausstellung zum Tempel in Jerusalem gezeigt wird, werden am Ende des Tages knapp 150 erwachsene und neun jugendliche Besucher gezählt. Die Zahlen werfen ein deutliches Licht auf die Altersstruktur der Interessierten, die teilweise mehrere Stunden bleiben. Gäste gehobeneren Alters überwiegen.

"Gesetze und Bräuche aus rabbinischer Sicht" erläutert Rabbiner Yaakov Yosef Yudkowsky quasi aus erster Hand. Dabei macht er einen deutlichen Unterschied zwischen Gesetzen, die sich rein aus den Regeln des Zusammenlebens ergeben und Geboten, die Gott den Menschen gibt. Letztlich jedoch sei es nur logisch, also ein soziales Gebot unter den Menschen, den anderen nicht zu töten, weil das Leben von Gott her einen voraussetzungslosen Wert habe. Für Rabbiner Yudkowsky ganz klar ist. "Alle Gebote gelten nur so lange, wie ihre Befolgung kein Leben in Gefahr bringt".

Dass es durchaus auch im Judentum unterschiedliche Bräuche gibt, erklärt er auch mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. "In der Torah steht nicht, dass ein Mann nicht mehrere Frauen heiraten darf", gibt er ein Beispiel dafür. So sei die Vielehe im sephardischen Judentum, geprägt durch das muslimische Umfeld, durchaus akzeptiert worden, während sie im aschkenasischen Judentum, durchs christliche Umfeld, abgelehnt wurde. "Oft spielen Gesetze des Gastgeberlandes eine Rolle", so Yudkowsky, der in dieser Frage jedoch ein Gebot der Torah über alles stellt. "Alles, was eine Frau schmerzt, darf man nicht machen".

Es gebe noch stundenlang zu diskutieren, die Fragen gehen, auch bei der Führung durch Synagoge nicht aus und auf alles, nicht zuletzt, welcher Lohn im Paradies auf die Menschen, die die Gebote beachten, wartet, kann selbst der Rabbiner keine endgültige Antwort geben. Aber in einem sind sich alle Besucher an diesem Tag ziemlich einig. Je mehr wir über das uns unbekannte Wissen, mit fremden Kultur in Austausch sind, umso geringer wird die Gefahr, dass sich Geschichte wiederholt.