Literaturnobelpreis

Würdige Preisträger: Peter Handke und Olga Tokarczuk

Bettina Schulte und Katrin Hillgruber

Von Bettina Schulte & Katrin Hillgruber

Fr, 11. Oktober 2019 um 10:30 Uhr

Literatur & Vorträge

Die Literaturnobelpreise für die Jahre 2018 und 2019 gehen an die polnische Autorin Olga Tokarczuk und an den österreichischen Dichter Peter Handke.

Es ist ein Novum in der Geschichte des ehrwürdigen Literaturnobelpreises: Die Auszeichnung wird in diesem Jahr zweimal verliehen. Der Literaturnobelpreis für 2018 geht an die polnische Autorin Olga Tokarczuk, der Literaturnobelpreis 2019 an den österreichischen Dichter Peter Handke. Im vergangenen Jahr war der Literaturnobelpreis wegen eines Skandals um Belästigung und Korruption und der daraus resultierenden mangelnden Beschlussfähigkeit der Schwedischen Akademie nicht verliehen worden. Auch die Würdigung von zwei Trägern der höchsten literarischen Auszeichnung gleichzeitig im Feuilleton hat es noch nicht gegeben.

PETER HANDKE
Um mit der aktuellen, der Wahl für dieses Jahr zu beginnen: Peter Handke, der österreichische Dramatiker und Schriftsteller, ist ein würdiger, ein angemessener Literaturnobelpreisträger. Man hätte schon längst auf ihn kommen können. Ja müssen. Seine keineswegs unumstrittene Landsmännin Elfriede Jelinek hatte ihn 2004, als sie die Auszeichnung erhielt, gewissermaßen überholt. Die Entscheidung 15 Jahre später für den um vier Jahre Älteren, der auf eine über 50-jährige beispiellose literarische Karriere zurückblickt, könnte man auch als nachgeholte literarische Wiedergutmachung werten: Auf jeden Fall hat das neu zusammengesetzte, durch externe Experten – überwiegend Literaturkritiker renommierter schwedischer Medien – verstärkte Komitee mit Handke und ebenso mit Olga Tokarczuk eine Entscheidung für die Literatur allein ihrer ästhetischen Qualität wegen gefällt. Eine Entscheidung, die über jede Kritik aus der Ecke der political correctness erhaben ist.

Peter Handke, 1942 in Griffen in Kärnten als Sohn einer Slowenin und eines Deutschen geboren und mit einem Berliner Stiefvater aufgewachsen, ist ein literarisches Schwergewicht, wie man zumindest aus eurozentrischer Perspektive kaum ein zweites finden kann. Früh schon, mit knapp zwanzig, während seines Studiums der Rechtswissenschaften, trat er beim Grazer Rundfunk mit literarischen Texten in Erscheinung. Prägend waren für ihn das Kino und die Popmusik. Sein späterer "Versuch über die Jukebox" knüpft an diese Erfahrungen an. Handkes erster Roman "Die Hornissen" wurde 1965 vom Suhrkamp Verlag angenommen, der bis heute alles von Peter Handke verlegt: Die Freude in Berlin ist entsprechend groß.

In die Literaturgeschichte schrieb sich Handke – Kennzeichen: Pilzfrisur à la Beatles – mit einem spektakulären Auftritt bei der Gruppe 47 in Princeton ein: In einer furiosen Schmährede bezichtigte er seine um mindestens eine Generation älteren Kollegen der "Beschreibungsimpotenz". Ein Star war geboren – und er legte gleich nach: Mit der provokativen "Publikumsbeschimpfung", in der Uraufführung von Claus Peymann, der Handke über Jahrzehnte verbunden blieb. In seinen frühen Jahren machte Handke vor allem als Dramatiker von sich reden ("Selbstbezichtigung", "Kaspar"). Dann verlegte sich der Schriftsteller weitgehend auf Prosawerke – bis auf einige großartige Ausnahmen: "Der Ritt über den Bodensee" machte Handke 1974 in Frankreich bekannt, wo er im selben Jahr Jeanne Moreau kennenlernte, mit der ihn eine zweijährige Liebesaffäre verband. "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten" (1992) kommt ohne Worte aus. Und sein Meisterdrama "Immer noch Sturm", uraufgeführt 2010 bei den Salzburger Festspielen, schlägt einen grandiosen autobiografischen Bogen zurück in Handkes slowenisch geprägte Kindheit.

Um wieder dorthin zu gelangen, hat Peter Handke Reisen um die ganze Welt unternommen. Nach einem dauerhaften Aufenthalt in den 70ern in Paris, wo Handkes bis heute wohl bekannteste Werke entstanden ("Wunschloses Unglück", "Der kurze Brief zum langen Abschied", "Die linkshändige Frau"), trat er Ende der 80er-Jahre eine dreijährige Weltreise an. Wie stets und überall waren Handkes Notizbücher dabei, kleine Kladden, die man in die Hosentasche stecken können muss. Der Reisende, der Wandernde, der Spaziergänger zeichnet auf, was er sieht, was er wahrnimmt bei seinem Umherschweifen in der Natur, weniger in den Städten.

Die 153 Hefte, die sein Schaffen begleitet haben, hat das Marbacher Literaturarchiv im Herbst 2017 endgültig erworben – und Peter Handke machte der Institution auf der Schillerhöhe zu diesem Anlass das äußerst seltene Geschenk seiner leiblichen Anwesenheit. Die eng beschriebenen 25 000 Seiten sind mit feinfedrigen Zeichnungen versehen. "Empfänglich sein ist alles", lautet ein zentraler Satz aus diesen Notaten. Und natürlich geht es genauso um die Umsetzung: Man mag das "Beschreibungspotenz" nennen.

Die "Stunde der wahren Empfindung" wandelte sich beim späteren Handke in eine Zuwendung zum Sichtbaren, die mit einer sprachlichen Mystifizierung einherging, die nicht jeder goutierte. Handke selbst weist diesen Begriff für sich allerdings zurück. In Marbach nannte er sein poetisches Verfahren "Anflug des Materiellen". Die ästhetische Umorientierung wurde eingeleitet mit dem programmatischen Essay "Die Lehre der Sainte Victoire", in dem sich Handke mit dem Maler Cézanne auseinandersetzt. Die "Ordnung der Bilder" (der Freiburger Handke-Experte Rolf Günter Renner) interessiert den Augenmenschen Handke ebenso wie die Welt der Sprache. Eingeflossen ist die Auseinandersetzung damit in Großwerke wie "Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos" (2002), dessen 750 Seiten von manchem Rezensenten als pathetisch verschwurbelt angesehen wurden.

Heftige Kritik erntete Peter Handke für seine Einmischung in den Bürgerkrieg auf dem Balken und seine Parteinahme für Serbien. Dass er den als Kriegsverbrecher verurteilten Slobodan Milosevic im Gefängnis besuchte und später sogar die Grabrede auf ihn hielt, löste Befremden aus. In Reaktion auf die Angriffe schickte Handke das Preisgeld für den 1973 erhaltenen Büchner-Preis zurück. Und er verzichtete 2006 auf den Heine-Preis der Stadt Düsseldorf. Die Kontroverse, fast vergessen, flammt jetzt kurz wieder auf. Doch was am Ende zählt, ist die Literatur. Ihr hat Peter Handke ein unfassbar reiches Werk gewidmet.
OLGA TOKARCZUK
"Durch Wüste und Wildnis" ("W pustyni i w puszczy") heißt ein afrikanischer Abenteuerroman von Henryk Sinkiewicz, der 1905 als erster Pole den Literaturnobelpreis erhielt. Der unerschrockene Gang durch Wüste und Wildnis trifft auch auf das Werk Olga Tokarczuks. Spätestens seit sie vergangenes Jahr mit ihrer englischen Übersetzerin Jennifer Croft für ihren bedeutenden Roman "Unrast" ("Bieguni") den Londoner Man Booker Prize sowie den Schweizer Jan-Michalski-Literaturpreis erhielt, zählte Tokarczuk zum Kreis der Stockholmer Favoritinnen. Damit ging die höchste literarische Auszeichnung zum sechsten Mal nach Polen – zuletzt 1996 an die Lyrikerin Wisława Szymborska.

Die 1962 in Sulechów (Züllichau) im Lebuser Land geborene Olga Tokarczuk lotet in ihrem konventionelle Maßstäbe sprengenden Werk die Grenzen zwischen Religion und Moderne, Mystizismus und Aufklärung aus. Das beweist trefflich ihr jüngster Roman "Die Jakobsbücher", der soeben in der deutschen Übersetzung von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein beim Zürcher Kampa Verlag erschienen ist – ein Glücksfall für den 2018 von Daniel Kampa gegründeten Verlag. In einem eindrucksvollen Journal haben die Übersetzer ihre detektivische Kärrnerarbeit dokumentiert. Dieser Tage stellt Tokarczuk ihren Roman auf einer Lesereise in Deutschland vor und wird auch auf der Frankfurter Buchmesse erwartet. In Basel wird sie am 8. und 9. November beim Festival BuchBasel zu hören sein.

Nach dem Vorbild des Talmud ist die Lebensgeschichte des ketzerischen Messias Jakób Joseph Frank (1726-1791) von hinten nach vorn nummeriert, beginnt also auf Seite 1152. Das Eingangskapitel "Das Buch des Nebels" setzt 1752 im heute westukrainischen Rohatyn ein, das seinerzeit zum multinationalen Polnisch-Litauischen Großreich gehörte. Zehn Jahre hat Tokarczuk für ihre enzyklopädische Gesamtdarstellung des 18. Jahrhunderts anhand einer exemplarischen Biografie recherchiert. Der aschkenasische Jude Frank konvertierte zunächst zum Islam, dann zum Katholizismus und errichtete schließlich eine Art Hofstaat in Offenbach, wo er auch starb. Der Alchimist und selbsternannte Messias gilt als Erneuerer des Judentums in Osteuropa und ist bis heute eine höchst umstrittene Figur.

Olga Tokarczuk betrachtet ihr Opus magnum als "Eine große Reise über sieben Grenzen, durch fünf Sprachen und drei große Religionen, die kleinen nicht mitgerechnet". Dass sie "Die Jakobsbücher" ihren "Landsleuten zur Besinnung" anempfiehlt, ist durchaus als Seitenhieb zu verstehen. Denn obwohl die 57-Jährige seit ihrem Debüt mit der Gedichtsammlung "Städte in Spiegeln" und ihrem ersten Roman "Die Reise der Buchmenschen" in ihrer Heimat große Bekanntheit genießt, wurde sie wegen der "Jakobsbücher" heftig angefeindet. Eine derart bilderstürmerische Lebensbeschreibung eines Ketzers steht dem klerikalen Klima in Polen diametral entgegen; trotzdem oder gerade deshalb entwickelte sich die reich illustrierte Saga zum Bestseller. Jedenfalls darf man auf die offiziellen Reaktionen gespannt sein.

Die Stockholmer Jury lobt Olga Tokarczuks "erzählerische Imagination, die mit enzyklopädischer Leidenschaft die Grenzüberschreitung als Lebensform verkörpert". Dieser Hang zur Grenzüberschreitung hat die mit 57 Jahren ausgesprochen junge Laureatin nicht nur in vergangene Jahrhunderte geführt, sondern auch an die geographische Peripherie – etwa in ihrem moralischen Thriller "Der Gesang der Fledermäuse". Ihn hatte noch die 2013 gestorbene Doreen Daume übertragen, eine der besten Übersetzerinnen aus dem Polnischen hierzulande.

Wie ihr Co-Preisträger Handke sucht Tokarczuk Trost und Erbauung in der Natur, fern von den Menschen. Nach dem Studium der Psychologie in Warschau, bei der ihr die Lehren des Analytikers Carl Gustav Jung wichtig wurden, arbeitete Tokarczuk als Therapeutin in einer Einrichtung für verhaltensauffällige Jugendliche im schlesischen Wałbrzych. Seit zwanzig Jahren lebt sie in dem niederschlesischen Dorf Krajanów und in Breslau. Zeitweise betrieb sie einen eigenen Kleinverlag namens Ruta. Das originelle "Alphabet der polnischen Wunder" erwähnt Olga Tokarczuk sowohl als Protagonistin der "Landbewegung polnischer Literaten" als auch unter dem nicht ganz ernstgemeinten Stichwort "Deutschtümelei".

Denn ihr Roman "E.E." spielt vor 100 Jahren im deutschen Breslau, wo die Hauptfigur Erna Eltzner als Medium Furore macht. "E.E." wurde noch nicht ins Deutsche übersetzt, so wie Olga Tokarczuks Werk für hiesige Leserinnen und Leser noch viele lohnende Überraschungen verheißt.