Zeichen setzen für Frauenrechte

Herbert Frey

Von Herbert Frey

Fr, 22. November 2019

Weil am Rhein

Stadtteilmütter und Diakonie weisen mit Flagge darauf hin, dass viele Frauen und Mädchen nicht selbstbestimmt leben können.

WEIL AM RHEIN. Vor der Geschäftsstelle des Diakonischen Werkes im Friedlinger Mehrgenerationenhaus wehen seit gestern zwei Flaggen, die auf den Gedenktag "Nein zu Gewalt an Frauen und Mädchen" am kommenden Montag, 25. November, hinweisen. Gesetzt haben dieses Zeichen gegen jede Form von physischer und psychischer Gewalt die Stadtteilmütter und Migrationsberaterin Silvia Frank.

Verdrängtes Thema
"Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass vor allem Frauen und Mädchen häufig nicht frei und selbstbestimmt leben können", so Silvia Frank. "Frei leben ohne Gewalt" steht denn auch auf den Flaggen in deutscher und türkischer Sprache, die von Terre des femmes erworben wurden. Die Menschenrechtsorganisation hat diesen Gedenktag, der das verdrängte Thema der Gewaltanwendung gegen Frauen und Mädchen ins Bewusstsein holen will, 2001 ins Leben gerufen. Seither wehen weltweit am selben Tag Flaggen vor Rathäusern, Frauenberatungsstellen und sozialen Einrichtungen. Allein in Deutschland sind es etwa 800 – im Landkreis Lörrach sind die Weiler Frauen im Bunde mit der Lörracher Frauenberatungsstelle, die ebenfalls Flagge zeigt.

Gewalt hat viele Gesichter
Gewalt gegen Frauen geschehe nicht nur im häuslichen Bereich, auch Übergriffe am Arbeitsplatz, Zwang im Namen einer sogenannten Familienehre, soziales Mobbing oder psychische Erniedrigung seien Erscheinungsformen, in denen sich Gewalt Bahn brechen könne, schildert Silvia Frank. Den engagierten Stadtteilmüttern Emine Akkaya, Mexhide Jashari-Avdiu, Nida Oraha und Sonia Manssouri begegnet das Thema in ihrer täglichen Arbeit, mit der sie Familien mit Migrationshintergrund das Ankommen in Deutschland erleichtern wollen, leider immer wieder, wie sie erzählen. Sie berichten von Frauen, die sich trotz brutaler Gewalt nicht von ihrem Mann, ihrer Familie lösen können; die unter psychischen Traumata leiden, die sie kraftlos machen und ihnen jegliches Selbstbewusstsein nehmen. Es dauere lange, bis sich diese Frauen öffnen, wissen die Stadtteilmütter, die in akuten Fällen natürlich auch Polizei, Jugendamt und Behörden einschalten. Aufgrund patriarchaler Traditionen und kultureller Hintergründe seien sich viele Frauen ihrer Rechte nicht bewusst. Hinzu kämen die Abhängigkeitsverhältnisse, in denen sie sich oft befinden. Viele trauzen sich eine Selbständigkeit nicht zu.



Vielfältige Angebote
Die junge Generation, die Kinder und Jugendlichen, würden sich meist schneller öffnen, wenn sie das Thema Gewalt belaste – etwa gegenüber Schulsozialarbeitern, wurde berichtet. Aber auch junge Frauen seien durch das Vorbild ihrer Mütter zuweilen noch relativ stark den traditionellen Rollenbildern ihrer Kultur verhaftet, stellt Silvia Frank fest. Im Friedlinger Mehrgenerationenhaus gibt es deshalb gerade für Frauen geschützte Begegnungsräume. Etwa das internationale Frauencafé jeden Donnerstag mit durchschnittlich 30 bis 40 Besucherinnen, die in ungezwungener Runde die deutsche Sprache lernen. Gut angenommen wird auch das Themencafé für Frauen am Freitag, in dessen Rahmen Erziehungsfragen und andere Anliegen besprochen werden, die Frauen beschäftigen. Und einen wahren Ansturm erlebe der Tanzabend für Frauen und Mädchen, der einmal im Monat in abgedunkelten Räumen, in denen striktes Handy- und damit Fotografierverbot herrsche, angeboten werde, berichten die Stadtteilmütter. Aus jedem der Herkunftsländer werden Lieder gespielt, "die Frauen können einfach mal Spaß für sich haben und die Tänze der anderen lernen", erzählt Mexhide Jashari Avdiu.

Vernetzung ist wichtig
Beim Thema "Gewalt gegen Frauen" sei ein tragfähiges Netzwerk der Hilfe besonders wichtig, schildert Silvia Frank. In Friedlingen jedenfalls sei man gut vernetzt, dennoch stoße man immer wieder an Grenzen. So seien alle Frauenhäuser zwischen Karlsruhe und Konstanz meist voll belegt und ein Platz kurzfristig kaum zu bekommen. Auch stehe in professionellen Einrichtungen und Behörden nicht immer genügend Personal zur Verfügung, kritisiert Silvia Frank. Umso wichtiger ist es für die Stadtteilmütter, auch über den Gedenktag hinaus zu bekräftigen, "dass Gewalt in jeglicher Form für uns nicht akzeptabel ist – egal, gegen wen sie gerichtet ist", wie Emine Akkaya es formuliert. Die Frauen, die auch auf den internationalen Menschenrechtstag am 10. Dezember hinweisen, rufen alle dazu auf, nicht wegzuschauen, wenn sie in der Nachbarschaft Anzeichen für Gewalt bemerken.