Zeitung mit transkultureller Identität

Katja Rußhardt

Von Katja Rußhardt

So, 06. September 2020

Freiburg

Seit zehn Jahren erscheint in Freiburg dreimal im Jahr die In-Zeitung, inzwischen ist sie preisgekrönt und bestens vernetzt.

Katja Russhardt
Über Pidgin-Englisch hat sie geschrieben, eine Freiburger Galerie entdeckt, die ausschließlich Kunst von Aborigines ausstellt, und schließlich das unwiderstehlichste Gericht ihrer afrikanischen Tante vorgestellt. Zu lesen waren alle diese Beiträge in der interkulturellen In-Zeitung, die dreimal im Jahr dem Freiburger Amtsblatt beiliegt und so alle Freiburger Haushalte erreicht. Geschrieben hat sie die 22-jährige Naemi Ntanguen, Studentin der Kulturanthropologie und europäischen Ethnologie und der Medienkulturwissenschaften. Gespannt wartet Naemi Ntanguen heute zusammen mit der leitenden Redakteurin Viktoria Balon und Redakteurin Barbara Peron vor dem Aufnahmeraum von Radio Dreyeckland auf ihren Einsatz. Es ist der erste Radiobeitrag der ehemaligen Praktikantin und nun freien Mitarbeiterin der In-Zeitung.

Über ein Projekt an der Uni kam die in Deutschland geborene und aufgewachsene Tochter einer Deutschen und eines Kameruners zu einem Praktikum bei der 2010 vom Migrantinnen-und Migrantenbeirat (MB) der Stadt Freiburg ins Leben gerufenen Zeitung. Deren Ziel ist es, die kulturelle Vielfalt in der Stadt mit Beiträgen von Autoren zu spiegeln, deren familiäre Wurzeln nicht in Deutschland liegen. Vorfahren oder mindestens ein Elternteil, das im Ausland aufgewachsen ist, ersatzweise ein mehrjähriger Aufenthalt im Ausland: Das sind die Kriterien der Zeitung, nach denen bisher 15 junge Menschen für ein intensives zweimonatiges Praktikum ausgewählt wurden. Danach vermittelt die Redaktion Praktika bei Freiburger Medien oder in einer Presse- und Kommunikationsabteilung.

"Unser Ziel ist es, eine neue Generation Journalisten für ein interkulturelles Deutschland auszubilden", sagt Viktoria Balon, die in Nowosibirsk in Sibirien geboren wurde. Bevor sie 1991 nach Freiburg kam und dort Ethnologie-Studentin wurde, lebte sie in Moskau und studierte Journalismus. "Es sind junge Menschen, die durch unterschiedliche Gegebenheiten Auslandserfahrung mitbringen und damit erfrischende, neue Perspektiven und Themen", sagt sie. Die neue Kooperation mit Radio Dreyeckland passt dazu: "In anderen Sprachen" heißt eine Serie von 23 Sendungen in 17 verschiedenen Sprachen, die vom Kulturamt Freiburg unterstützt wird. Fünf gemeinsame Sendungen mit Autorinnen und Autoren der In-Zeitung sind geplant. "Wie wäre mein Leben gewesen, wenn meine Eltern nicht ausgewandert wären?" heißt das Thema der Sendung, die auf einem Beitrag von Naemi Ntanguen basiert, der bereits in der In-Zeitung veröffentlicht wurde. "Es geht um die zweite Generation der hier Lebenden und ich habe Interviews mit Frauen aus Portugal und Afghanistan geführt, die als Kinder für ihre Eltern übersetzen mussten", erzählt die junge Autorin.

Es sei nicht immer einfach, zwei oder mehr Heimatstädte und eine transkulturelle Identität zu haben. "Nicht immer einfach", heißt keinesfalls, dass in der In-Zeitung bierernst Probleme gewälzt werden. Das weiß keine besser als Barbara Peron, die in Venedig geboren ist, Philosophie und Geschichte studierte und in Freiburg promovierte. "Ich habe die Zeitung in meinem Briefkasten entdeckt, in der Autoren gesucht wurden und das Blatt gefiel mir so gut, dass ich mich gemeldet habe und seither mit Begeisterung dabei bin", sagt sie. Als Italiener werde man immer gefragt, ob man als Koch arbeite, tanze oder Künstler sei. "Menschen sind keine folkloristischen Persönlichkeiten, haben unterschiedliche Interessen. Wir wollen die Gesellschaft zeigen, denn ’die Deutschen’ gibt es nicht", skizziert sie das Anliegen der Zeitung, die zur Themensuche dreimal jährlich in einem öffentlichen Forum ausdrücklich auch interessierte Freiburger einlädt. Eine Redaktion gibt es nicht, man sei "dauerhaft obdachlos", sagt Viktoria Balon und lacht. Und so treffen sich die Redakteure mit Freiburgern in wechselnden öffentlichen Räumen zum Brainstorming.

Ein großes Thema gibt es in jeder Ausgabe. "Distanz und Nähe" ist es im aktuellen Heft, das den teils absurden Corona-Wortschatz ebenso beleuchtet wie die Situation der Freiburger Obdachlosen und Liebe über geschlossene Grenzen. Man kann in Beiträgen auch souverän auf Alemannisch telefonieren lernen und sich an Leserbriefen erfreuen, die beweisen, dass die In-Zeitung auch wirklich "in" ist. "Das wollen wir mit dem Titel auch ausdrücken", sagt Viktoria Balon und erinnert sich an angeregt geführte Diskussionen in den vergangenen Jahren: "Mir hat die Diskussion über Heimat besonders Spaß gemacht. Darauf haben wir besonders viele Reaktionen bekommen und es letztlich durch das Wort ’Zuhause’ ersetzt." Viel diskutiert wurde auch über einen Beitrag zum Thema "Migrationshintergrund als Unwort". Ganz unterschiedliche Menschen seien die Absender von Leserpost, sagt Balon. Lehrer im Rentenalter, aber auch junge Menschen, die das Blatt regelmäßig lesen und teilweise sogar bestellen. Oder es mit einem Jahresbeitrag oder einer einmaligen Spende unterstützen. "Wir sind ein gemeinnütziger Verein und dürfen nur für etwas werben, das mit unseren Zielen kompatibel ist. Da ist die Auswahl begrenzt", erklärt Barbara Peron, die für die Finanzen zuständig ist. 37 000 Euro gibt es als Zuschuss der Stadt pro Jahr für Druck und Verteilung, eine schmale Aufwandsentschädigung bekommen Viktoria Balon, der Grafiker und die Lektorin.

Ehrenamtlich arbeiten die zehn internationalen festen Mitarbeiter für das Blatt mit einer Auflage von 108 000 Exemplaren, von dem ein Teil auch von den Mitgliedern der Gruppe selbst per Fahrrad zu einer Ablage in der Pädagogischen Hochschule und dem Goethe-Institut gebracht wird. Soviel Engagement zeigt, dass der Zusammenhalt und Begeisterung der Zeitungsmacher groß sind. "Seit zehn Jahren bringen sich Menschen freiwillig in ihrer Freizeit ein, damit unsere Zeitung entstehen kann. Das macht man ja nur, wenn sie einen Zweck hat", sagt Barbara Peron, die selbst als Übersetzerin arbeitet. Neben dem Integrationspreis der Stadt Freiburg wurde die In-Zeitung im Jahr 2015 auch von der Bundeszentrale für politische Bildung ausgezeichnet. "Wir organisieren auch Kulturveranstaltungen und beteiligen uns an Projekten, die mit Demokratie zu tun haben", erzählt Barbara Peron. 2019 war sie in Stuttgart eingeladen, als der neue Kulturplan des Landes diskutiert wurde. "Wir sind mittlerweile bis nach Berlin vernetzt, auch um Fördergelder für Projekte zu erhalten."