Corona-Lesergeschichten

27-jährige Kolumbianerin schreibt in Corona-Zeiten erste Gedichte auf Deutsch

Rosaura Morales Gómez aus Freiburg

Von Rosaura Morales Gómez aus Freiburg

Sa, 04. Juli 2020 um 17:41 Uhr

Südwest

Seit Oktober 2019 bin ich in Freiburg, um Deutsch zu lernen. Die Anfangszeit der Krise war schwer für mich, ich kannte kaum jemanden. Dann begann ich, Gedichte zu schreiben – auf Deutsch.

Corona stellt unser Leben auf den Kopf und wird in die Geschichte eingehen. Doch diese Geschichte schreiben nicht nur Virologen, Experten und Politiker – sondern wir alle. Die BZ hat ihre Leserinnen und Leser nach ihrer ganz persönlichen Corona-Geschichte gefragt. Heute schreibt Rosaura Morales Gómez, 27 Jahre, aus Freiburg.

Ich bin Rosaura und komme aus Kolumbien. In Freiburg studiere ich seit Oktober 2019. Bevor alles für mich hier angefangen hat, habe ich immer davon geträumt, in Deutschland zu studieren und Deutsch zu lernen. Dies nicht nur, um mein Studium fortzusetzen, sondern auch, um Bücher über die Geschichte dieses Landes sowie Poesie von deutschen Dichtern in der originalen Sprache zu lesen.

Die Quarantäne wegen des Coronavirus haben mich am Anfang sehr betroffen. Gerade als ich es geschafft hatte, hierher zu kommen, nach all den Anstrengungen und Bemühungen. Warum? Wahrscheinlich die beliebteste Frage aller Menschen in der letzten Zeit.

Während der ersten Tage der Quarantäne habe ich kaum geschlafen. Ich fühlte mich übermüdet und besorgt, nicht nur wegen der Situation in Deutschland, sondern auch in meinem Heimatland und wegen meiner Familie; wegen des Studiums und allem, was das bedeutet. Es war eine schwierige Zeit. Ich hatte fast keine Freunde in Freiburg. Was ich hatte, war ein Gefühl der Isolation und wenig Energie.

Doch kein Übel dauert hundert Jahre. Die Landschaft hat sich verwandelt und es war wieder sehr sonnig. Ich fand auf meinem Fahrrad Zuflucht, traf neue Freunde und schrieb viel. Was ich mit euch teilen möchte, ist mein erstes Gedicht auf Deutsch. Es spiegelt meine Gefühle in den ersten Nächten der Pandemie wider, die uns zwar so viele Dinge gestohlen hat (zum Beispiel die Ruhe), uns aber auch andere sehr gute hinterlassen hat, die uns sicherlich für den Rest unseres Lebens zu besseren Menschen machen werden. Zum Beispiel Einfühlungsvermögen.

Quarantäne-Nächte

Je dunkler, desto kälter.
Je trauriger, desto langsamer.
Je windiger, desto fröhlicher.
Je sonniger, desto lebendiger.

Je sternenklarer der Himmel,
desto magischer die Nacht.
Je, desto, umso. Dies und das.
Der, das, du und ich.

Es gibt nach wie vor Sachen,
die ich nicht nachvollziehen kann.
Und je schneller die Tage vergehen,
desto ungeschickter bin ich.

Meine Augen kämpfen gegen
die Einsamkeit der Straßen.
Sie sind wie Gemälde,
die ich nicht ausstehen kann.

Ich bin hier und gleichzeitig da.
Ich sehe dich nicht.
Bist du trotzdem neben mir?
Deine Stimme kann ich auch nicht hören.
Wo sind deine Schritte von gestern?
Und dein Geruch auf dem Sofa?
Ist das auch alles irgendwo, zu Hause?

Je länger, umso kürzer…
Es gibt nach wie vor Sachen,
die ich nicht verstehen kann.

Alle sind zu Hause,
aber was heißt denn das?
Was ist "ein Zuhause"?
Ich bin hier und du bist weit.

Je weiter weg,
desto ruhiger;
oder?

Ich spüre deine Hände nicht,
nur die Stille meines Zimmers
und den ängstlichen Wind,
der durch die trostlosen Straßen fegt.

Sag mal ja:
Wo bist du und wo sind wir?
Je freundlicher, umso fremder.
Dies und das…

Es gibt nach wie vor Gedanken,
die ich nicht zu verfolgen schaffe,
sowie Sachen, gegen die ich kämpfe.
Manchmal habe ich Erfolg und hab’ sie nah,
danach fliegen sie weit entfernt,
wieder und wieder.

Dies und das,
du und ich.
Je mehr wir geben,
umso weniger wird’s.