Streitgespräch

Abschaltung von Fessenheim: Wie steht es um die Zukunft der Atomenergie?

Jörg Buteweg, Stefan Hupka und Florian Kech

Von Jörg Buteweg, Stefan Hupka & Florian Kech

So, 28. Juni 2020 um 13:20 Uhr

Wirtschaft

BZ-Plus Am Montag soll das Atomkraftwerk in Fessenheim abgeschaltet werden. Doch könnten ausgerechnet neue Kernkraftwerke den Durchbruch beim Klimaschutz bringen? Ein Streitgespräch.

Wenn in wenigen Tagen der zweite Kernreaktor im französischen Fessenheim vom Netz geht, werden viele Menschen im Dreiländereck aufatmen. Gleichzeitig wird in den USA an einer neuen Generation von Atomkraftwerken getüftelt, die angeblich kaum noch radioaktiven Abfall verursacht und viel sicherer sein soll als die alten Modelle. Die Atom-Befürworter von heute sind nicht mehr nur die üblichen Verdächtigen. Auch auf Klima-Demos von "Fridays for Future" wurden vereinzelt Plakate hochgehalten mit der Aufschrift: "Kernenergie? Ja, bitte!"

Der Atomausstieg unter dem Eindruck der Katastrophe von Fukushima sei ein Schnellschuss gewesen. Diesen Standpunkt vertritt Johannes Güntert, ein Wirtschaftsinformatiker aus dem Markgräflerland, der sich zur Bewegung der sogenannten Ökomodernen zählt. Sehr kritisch sehen ein mögliches Atom-Comeback Wolfgang Renneberg, der Leiter des Büros für Atomsicherheit, und Hans-Martin Henning, Chef des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme. Unter der Moderation der BZ-Redakteure Jörg Buteweg, Stefan Hupka und Florian Kech lieferten sie sich einen Schlagabtausch an Argumenten.

BZ: Deutschland ist vor neun Jahren aus der Atomkraft ausgestiegen, warum nehmen sich andere Industrieländer daran bis heute kein Beispiel?
Güntert: Weil sie es nicht können. China etwa braucht jährlich 7000 Terawattstunden Strom. Und der Bedarf steigt dort jährlich um dieselbe Menge, die Deutschland im Jahr verbraucht.
Henning: Es gibt viele seriöse Studien, die bis 2050 einen Strombedarf errechnen, der überwiegend aus regenerativen Quellen gedeckt werden kann, mit kleinen oder gar keinen Anteilen an Atomenergie.
Renneberg: Mit Kernenergie würde China sein Energieproblem gar nicht lösen können, derzeit hat sie dort einen Anteil von zehn Prozent, leicht steigend. Jedoch nehmen die Erneuerbaren dort um ein Zehnfaches dessen zu. Der Hauptgrund: Kernenergie ist zu teuer.
Güntert: Deshalb bauen sie Kohlekraftwerke ohne Ende. Aber auch die Herstellungskapazitäten der Erneuerbaren sind limitiert, etwa bei Photovoltaik-Anlagen. Da braucht die Welt das Hundertfache. Deutschland kann leicht behaupten, wir schaffen das – mit einem ...

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