Als Flüchtling in einem Internat in den USA

Jürgen Reuß

Von Jürgen Reuß

Di, 20. August 2019

Literatur & Vorträge

Erika Manns Kinderbuch "Zehn jagen Mr. X" ist neu erschienen.

Während Seenotretter vor Gericht stehen und viele sich fragen, was von Flüchtlingen wohl zu erwarten ist, lohnt der Rückblick auf eine Zeit, in der Deutschland Fluchtursache Nummer Eins war. Am besten tut man das mit Erika Mann, Schriftstellerin, Kabarettistin und Tochter von Literaturnobelpreisträger Thomas Mann. Die hat in ihrem amerikanischen Exil, kurz nach dem Kriegseintritt der USA ein Kinderbuch geschrieben, "A Gang of Ten", das jetzt unter seinem deutschen Titel "Zehn jagen Mr. X" wieder im Handel ist. Darin lässt eine zehnköpfige Internats-Gang einen Spionagering an der amerikanischen Westküste auffliegen.

Neben den genreüblichen Spannungsmomenten, beeindrucken besonders die intensiven Fluchtgeschichten der Gang-Mitglieder. Die Bande ist nämlich eine Art Kinder-Völkerbund aus Ländern, die sich gegen die kriegstreibende Nation Deutschland verbündet haben. Da sind Rombout aus Holland, der Mutter und kleinen Bruder beim Bombenangriff auf Rotterdam verloren hat, Iwan, der bei der Flucht aus Russland verbrannte Erde hinterlassen musste, oder der Engländer George, der beinahe beim Angriff deutscher U-Boote auf einen Kindertransport ermordet worden wäre. Sie alle kamen als Flüchtlinge in die USA und wurden am Internat freundlich aufgenommen.

Aber es gibt auch das deutsche Flüchtlingskind Franz. Franz trifft auf all die Vorurteile, mit denen Neuankömmlinge wie er zu kämpfen haben. Muss er nicht auch ein Nazi sein? An seiner Geschichte zeigt Erika Mann etwas, das zum Teil auch ihre Geschichte ist: Für Franz sind die USA die Rettung. Er würde alles tun, um Amerika im Krieg gegen die Nazis zu helfen. So hat es auch Erika Mann gemacht, sie hat sogar dem Geheimdienst FBI ihre Dienste angeboten, um Nazis unter den Flüchtlingen zu entlarven.

So viel Begeisterung für die neue Heimat in einem Kinderbuch ist nicht frei von Ambivalenzen: Einerseits ist es seltsam, zu lesen, wie Kinder in eine Generalmobilmachung einbezogen sind, andererseits tröstlich, dass sich Flüchtlinge und Aufnahmeland über die wahren Feinde einig sind. Insgesamt aber eine sehr lohnende Lektüre.

Erika Mann: "Zehn jagen Mr. X". Aus dem Englischen von Elga Abramowitz. Rowohlt, Reinbeck 2019. 270 Seiten, 15 Euro. Ab 10.