Maximilian-Kolbe-Werk

Zeitzeugin berichtet von ihrem Aufenthalt im KZ Auschwitz als Kind

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Do, 07. November 2019 um 12:39 Uhr

Freiburg

Zdzislawa Wlodarczyk aus Warschau war sechs, als der Zweite Weltkrieg begann und sie das erste Mal Leichen sah. Als eine von vier Zeitzeuginnen war sie Gast beim Maximilian-Kolbe-Werk in Freiburg.

So berührend, wie Zdzislawa Wlodarczyk (86) über die Verstörungen und Wunden erzählt, die der Zweite Weltkrieg und die Zeit im Konzentrationslager Auschwitz hinterlassen haben, so eindringlich ist ihr Appell am Ende: "Stellt auf jeden Fall sicher, dass sich so etwas nicht mehr wiederholen wird!" Mit dieser Bitte wendet sie sich an 330 Menschen aller Altersstufen, die ihr am Dienstagabend in einem voll besetzten Hörsaal an der Universität zugehört haben. Sie ist als eine von vier Zeitzeuginnen zurzeit beim Maximilian-Kolbe-Werk zu Gast.

Rund 80 Jahre liegen zwischen dem lachenden kleinen Mädchen auf den schwarzweißen Fotos und der zierlichen Frau mit kurzen weißen Haaren. Sie erzählt in ihrer Muttersprache Polnisch, wie unvorstellbar verstörend das anfangs unbeschwerte Leben des Mädchens kurz nach diesen Fotos weiterging.

Mit sechs Jahren sah sie zum ersten mal Tote

Und während sie erzählt, bleibt eines der Fotos lange eingeblendet: Da steht die kleine Zdzislawa Wlodarczyk inmitten ihrer Familie – mit der Mutter, die Auschwitz, den "Todesmarsch" und das KZ Ravensbrück überlebte. Mit dem Vater, der im KZ Flossenbürg ermordet wurde. Mit der kleinen Schwester, die durch einen Krankenhausaufenthalt von der Familie getrennt wurde. Und mit dem kleinen Bruder, mit dem Zdzislawa Wlodarczyk während der gesamten Zeit in der Kinderbaracke in Auschwitz zusammen war.

Zdzislawa Wlodarczyk war sechs Jahre alt, als 1939 der Krieg begann. Damals, als Flugzeuge Bomben abwarfen und ihre Heimatstadt Warschau zerstört wurde, sah sie zum ersten Mal Tote auf den Straßen liegen, die Köpfe abgetrennt, daneben aufgeschlitzte Pferde.

In der Kinderbaracke waren alle ausgehungert und weinten

Sie schrie und zitterte, während ihre Familie auf einem Pferdewagen Richtung Osten floh. Bis heute seien laute Geräusche, die sie noch immer mit damals verbindet, furchtbar für sie, sagt Zdzislawa Wlodarczyk. Damals folgten sechs Jahre bis zum Kriegsende, die geprägt waren von unzähligen solchen Schreckensbildern. Nach der Flucht kehrte Zdzislawa Wlodarczyk mit ihrer Familie bald wieder ins besetzte Warschau zurück. Sie berichtet vom Leben ohne Strom, ohne Heizmöglichkeiten, mit zunehmenden Verboten und Verhaftungen. Ihr Vater, der Postbeamter war, sah die Pakete, die viele ihren Angehörigen in die Lager schickten, er hörte ihre Geschichten. Als er später mit seiner Familie zu den politischen Gefangenen ins KZ Auschwitz kam, schlug er den Kopf gegen die Wand und schrie: "Wo haben sie uns hingebracht?" Aber auch seine Tochter ahnte, was es bedeutete, als er an einem Morgen zum Baden geschickt wurde und nicht wiederkam: "Ich wollte ihn nicht gehen lassen", sagt Zdzislawa Wlodarczyk.

Sie schildert, wie später ein Soldat vor ihren Augen eine Mutter mit Kind im Arm erschoss. Wie allen die Köpfe rasiert wurden, so dass sie sich nicht mehr wie Menschen fühlten. Wie sie zur Nummer 85282 wurde. In der Kinderbaracke waren alle ausgehungert, sie weinten und hatten nichts mehr, was zu ihnen gehörte. Zdzislawa Wlodarczyk aber hatte ihren Bruder, den sie zu schützen versuchte. Am Schluss blieben beide zurück, weil er zu krank für den Todesmarsch war. Es gab fast nichts zu essen. Irgendwie überlebten sie, bis die russischen Befreier kamen und sie ins Waisenhaus brachten.



Nach zwei Stunden gibt es minutenlangen Applaus für Zdzislawa Wlodarczyk– sie ist eine der nun nur noch sehr wenigen Zeitzeugen, die noch leben.

Mehr zum Thema: