Persönliche Anrede

Am Arbeitsplatz wird in vielen Unternehmen mittlerweile geduzt

Michael Ruffert

Von Michael Ruffert (epd)

Mo, 10. August 2020 um 18:47 Uhr

Wirtschaft

Das "Sie" stirbt aus. Zu diesem Fazit kommen mehrere Experten. Denn in vielen Unternehmen duzen sich die Mitarbeiter inzwischen. Das soll auch beim Abbau von starren Hierarchien helfen.

Nicole Susann Ranke berät seit mehr als 30 Jahren Menschen in Konflikten und in schwierigen Lebenssituationen. Die Ansprache zwischen ihr und den Ratsuchenden war lange eindeutig festgelegt: "Früher habe ich meine Klienten in den Gesprächen gesiezt", erzählt die Lebensberaterin aus dem westfälischen Waltrop. Die Frage nach dem Du habe sie meist verneint. Das hat sich geändert. In ihren Videos, auf der Webseite und in der Beratung werden die Klienten geduzt. "Das liegt durch die neuen Medien einfach im Trend", sagt sie. Sie findet diese Ansprache heute auch "viel persönlicher".

In den sozialen Medien, bei Youtube, Facebook und Twitter ist die direkte Anrede mit Du längst die Regel, Möbelhäuser werben mit der vertrauten Anrede um Kunden. Bereits vor vier Jahren bot Hans-Otto Schrader, damals Vorstandsvorsitzender des Handelskonzerns Otto, allen seinen Angestellten das Du an. Sie sollten ihn "Hos", für Hans-Otto, nennen.

"Das Sie steht für eine hierarchische Denk- und Arbeitsweise, mit der wir uns bei Xing nicht mehr identifizieren können." Sabrina Zeplin

Hinter solchen Offerten steckt nach Ansicht des Karrierenetzwerks Xing ein "kultureller Wandel", wie ein Sprecher erklärt. Vor zwei Monaten entschlossen sich die Betreiber des Netzwerkes, ihre Nutzer künftig nur noch mit Du anzusprechen. Das Geschäftsführungsmitglied Sabrina Zeplin sagte: "Das Sie steht für eine hierarchische Denk- und Arbeitsweise, mit der wir uns bei Xing nicht mehr identifizieren können." "Das Du schafft Nähe und eine emotionale Verbundenheit, die auch in einem professionellen Umfeld zu einem signifikant besseren Miteinander führt."

Sven Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Gesellschaft für Deutsche Sprache in Wiesbaden, sagt: "Mit dem Du drückt man Nähe und Vertrautheit aus, während es sich beim Sie um die höfliche, distanzierte Anrede handelt."

Am Arbeitsplatz "stirbt das Sie langsam aus – dieser Trend ist klar erkennbar", sagt Inga Rottländer, Karriere-Expertin bei der Online-Jobvermittlung Stepstone. Bei einer Stepstone-Studie hatten bereits 2016 nur drei Prozent der Befragten angegeben, dass sich an ihrem Arbeitsplatz alle Mitarbeiter siezen. Besonders in kleinen Unternehmen sei der Umgang sehr informell. Bei Betrieben mit weniger als 50 Mitarbeitern geben die Hälfte an, alle Kollegen – vom Praktikanten bis zum Geschäftsführer – zu duzen, erläutert Rottländer.

Ihrer Ansicht nach ist der Abschied vom Sie nicht einfach nur ein Ausdruck des Zeitgeistes. Er sei vielmehr mit der veränderten Arbeitswelt gekoppelt, in der starre Hierarchien oft effizientes Arbeiten behinderten. Aber Rottländer gibt zu bedenken: Durch die Duz-Kultur alleine würden noch keine effektiveren Strukturen erreicht, wenn am Ende doch jede Entscheidung vom Management getroffen werden muss.
"Wir wissen ziemlich genau, dass das Sie in 76 Prozent aller deutschsprachigen Unternehmen bereits so gut wie ausgestorben ist." Sabrina Zeplin
In die gleiche Richtung argumentiert Xing: "Wir wissen ziemlich genau, dass das Sie in 76 Prozent aller deutschsprachigen Unternehmen bereits so gut wie ausgestorben ist", schreibt Zeplin. Deutlich mehr als die Hälfte der Xing-Mitglieder hielten das Du für richtig, nur 15 Prozent blieben vorzugsweise beim Sie. Das habe eine Befragung ergeben.

Allerdings erhielt das Netzwerk nach der Entscheidung für das Du neben vielen positiven Rückmeldungen auch Gegenwind. Ein Nutzer bezeichnete einseitig verordnetes Duzen als übergriffig, für andere ist das Sie gegenüber fremden Personen eine Frage von Anstand und Benimm. Denn wenn sich das Verhältnis zwischen sich duzenden Kollegen verschlechtere, stehe die vermeintlich vertrautere Anrede einer Problemlösung im Wege.

Der Duden rät: Grundsätzlich ist im Geschäftsleben zunächst das Sie die korrekte Ansprache, und gerade im beruflichen Umfeld wird dadurch eine notwendige und durchaus nützliche Distanz gewahrt.