Studie

Am Bodensee brüten deutlich weniger Vögel als früher

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Mo, 02. September 2019 um 18:27 Uhr

Südwest

Einst häufige Vogelarten wie Haussperling, Amsel oder Star gehen einer großen Studie zufolge stark zurück, einige Feld- und Wiesenvögelarten sind verschwunden

Amsel, Drossel, Fink und Star – am Bodensee wäre die Vogelschar aus dem bekannten Kinderlied heute deutlich kleiner als noch vor 40 Jahren: Lebten 1980 am Bodensee noch rund 465 000 Brutpaare, waren es 2012 nur noch 345 000 – ein Verlust von 25 Prozent. Dies ist das Ergebnis einer Studie von Wissenschaftlern der Ornithologischen Arbeitsgruppe Bodensee und des Max-Planck-Instituts (MPI) für Verhaltensbiologie in Konstanz, wie das Institut mitteilt. Für diese, jüngst in Vogelwelt veröffentlichte Arbeit, haben Forscher um Hans-Günther Bauer vom MPI die Ergebnisse von vier Brutvogelkartierungen in drei Jahrzehnten ausgewertet.

Einst häufige Vogelarten wie Haussperling, Amsel oder Star sind demnach besonders stark zurückgegangen. Viele weitere Arten kommen nur noch in geringen Populationen vor. Eine ähnliche Entwicklung befürchten die Forscher auch in anderen Regionen Deutschlands, so das MPI in seiner Mitteilung.

Auf den ersten Blick erscheint die Bilanz von 1980 bis 2012 ausgewogen: Von den 158 rund um den Bodensee vorkommenden Vogelarten haben 68 Arten zu- und 67 abgenommen, das entspricht jeweils rund 43 Prozent. Die Gesamtzahl an Arten hat sogar leicht zugenommen: Auf acht ausgestorbene Arten kommen 17, die sich neu oder wieder angesiedelt haben, darunter Weißstorch, Wanderfalke und Uhu, die von Schutzmaßnahmen profitiert haben.

Dass die Zahl der Brutpaare insgesamt dennoch um ein Viertel geschrumpft ist, liegt daran, dass vor allem häufig vorkommende Arten stark zurückgehen. Von den zehn dominierenden Vogelarten am Bodensee haben sechs massiv abgenommen. Die Bestände etwa des Haussperlings – 1980 noch häufigste Art – sind um die Hälfte eingebrochen. "Das sind wirklich erschütternde Zahlen – vor allem, wenn man bedenkt, dass der Rückgang der Vögel schon Jahrzehnte vor unserer ersten Datenerhebung 1980 begonnen hat", wird Hans-Günther Bauer in der Mitteilung zitiert. Auffällig ist demnach, wie unterschiedlich die verschiedenen Lebensräume betroffen sind. 71 Prozent der auf Wiesen und Feldern lebenden Arten verzeichnen zum Teil drastische Bestandseinbrüche. Das einstmals häufige Rebhuhn ist rund um den Bodensee ausgestorben, auch Raubwürger, Wiesenpieper und Steinkauz gibt es dort nicht mehr.

Einer der Hauptgründe für diesen Rückgang ist den Ornithologen zufolge der Verlust von Nahrung in der intensiv betriebenen Landwirtschaft. So haben laut Studie am Bodensee 75 Prozent der Vogelarten, die sich von Fluginsekten ernähren, abgenommen. "Dies bestätigt, was wir schon länger vermutet haben: Das durch den Menschen verursachte Insektensterben wirkt sich massiv auf unsere Vögel aus", sagt Bauer. Hinzu komme, dass heutige Erntemethoden kaum mehr Sämereien für körnerfressende Arten übriglassen. Außerdem zerstörten das häufige Abmähen großer Flächen sowie der Anbau von Monokulturen vielen Arten den Lebensraum.

Aber auch aus den Dörfern und Städten rund um den Bodensee verschwinden die Vögel. "Offensichtlich können die Tiere inmitten der Häuserschluchten, Zierbäume und sauberen Nutzgärten immer seltener erfolgreich brüten", so Bauer. Selbst "Allerweltsvögel" wie Amsel (minus 28 Prozent), Buchfink und Rotkehlchen (je minus 24 Prozent) leiden darunter.

Dagegen scheint es den Waldvögeln am Bodensee vergleichsweise gut zu gehen: 48 Prozent von ihnen verzeichnen steigende Bestände, nur 35 Prozent gehen zurück. Auch rund um die Gewässer am Bodensee haben mehr Arten zu- als abgenommen.

Bauers Ausblick ist jedoch ernüchternd: "Die Lebensbedingungen für Vögel rund um den Bodensee haben sich in den letzten sieben Jahren eher weiter verschlechtert. Die Bestandszahlen sind deshalb inzwischen vermutlich noch weiter gesunken", so Bauer.