Essen

Backen gegen Fernweh: Sodabrot – feenhafter Genuss aus Irland

Nicole Quint

Von Nicole Quint

So, 10. Mai 2020 um 07:00 Uhr

Gastronomie

Das Wiedersehen mit Irland wird noch warten müssen. Doch Erinnerungen an die grüne Insel lassen sich leicht wachrufen – mit dem Backofen und dem Geschmack von Sodabrot. Taste now, travel later!

Es gab Zeiten, da wusste man nicht so genau, was da aus irischen Küchen kam – Nahrung oder Bestrafung. Man tat jedenfalls oft gut daran, erst zu essen und anschließend zu fragen, was das denn eigentlich war. Einzige Ausnahme: Sodabrot. Da bestand nie eine Gefahr ins Ungewisse zu beißen, waren die Iren doch einst schlicht zu arm, um mehr in ihr Hauptnahrungsmittel zu investieren als Mehl, saure Milch, Salz und Soda. Weitere Zutaten braucht es nicht, um den Backwaren-Klassiker herzustellen, der nun schon seit über 200 Jahren an der Küchengeschichte der grünen Insel mitschreibt. Erfunden haben es die Iren allerdings nicht.

Woher kommt Soda?

Amerikanische Indigene waren wohl die ersten, die Pottasche – ein natürliches Soda aus Holzasche – anstelle von Hefe als Triebmittel beim Backen verwendeten, doch inzwischen gehört Sodabrot zu Irland wie die latenten Zweifel an der Zuverlässigkeit der Wetterprognose, wie das Guinness im Pub und die flusigen Schafe auf duftigen Wiesen.

Kulinarischer Quarantänetröster

Wer sich nach alldem sehnt, kann sich in Corona-Zeiten wenigstens mit einem Backrezept trösten. Denn das Brot gewordene Heilmittel gegen Irland-Weh taugt auch deshalb zum kulinarischen Quarantänetröster, weil es ein Reservoir der Erinnerungen ist. Sein Geschmack zaubert vergangene Stimmungen herbei: Die Freude beim Kauf des ersten Sodabrotes auf dem Bauernmarkt in Skibbereen, das sonnendurchflutete Glück beim Picknick am Atlantikstrand oder die Ruhe am Morgen in der kleinen Küche der B&B-Besitzerin, die ihre Gäste in die Geheimnisse des so typischen Sodabrotbackens einweihte.

Sie hexenmeisterte ohne Waage und Messbecher, kippte einfach einen Haufen Mehl auf die Arbeitsfläche, warf schnell die Zutaten hinzu und brachte als Ergebnis ihrer kleinen Zaubershow einen goldbraunen Laib mit dicker Kruste auf den Tisch, der zart und leicht sauer schmeckte. So wie im alten Irland gelang es aber auch ihr nicht mehr.

Früher buk man das Brot schließlich noch über einer offenen Feuerstelle in einem Bastible. Diese gusseisernen Töpfe, auch bekannt als holländische Öfen, wurden an einem Kran über das Torffeuer gehängt und konnten bei Bedarf zur Wärmequelle abgesenkt werden.

Die Feen freilassen!

Auf Torffeuer kann beim Backen daheim verzichtet werden, auf gar keinen Fall vergessen darf man aber, den Teig kreuzförmig einzuschneiden, bevor man ihn in den Ofen schiebt, sonst bleiben die Feen darin gefangen und belegen Brot und Bäcker mit einem Fluch. Was genau einem droht, wenn man kein Kreuz macht, weiß niemand. Wer wollte schon die Rache des kleinen Volkes riskieren?

Die Belohnung für die Befreiung der Feen kann hingegen jeder schmecken. Einfach die Augen schließen, ins Brot beißen und schon ist man fort mit den Feen – "away with the fairies", wie die Iren sagen und damit das Tagträumen meinen, das Eintauchen in eine andere Welt, in der sich das Meer an kleine Buchten schmiegt, Heidekraut den Weg ins Moor weist und ein allgegenwärtiger Wind in den Büschen knistert.

Eine Welt, in der Feen, Nymphen und Elfen in Steinritzen, unter Felsen und im Brotteig leben und manchmal auch in den Tränen der Menschen, die beim Wiedersehen mit Irland vor Freude weinen.
Rezept: Irisches Sodabrot

Zutaten: 500 g Vollkornweizenmehl, 2 Esslöffel Weizenkeime, 3 Teelöffel Haferflocken, 350 bis 400 g Buttermilch, 2 Teelöffel Backpulver, 1 Teelöffel Salz
Zubereitung: Ofen auf 230 Grad vorheizen. Alle trockenen Zutaten in eine große Schüssel geben, vermengen und in der Mitte eine Vertiefung machen. Dorthinein die Buttermilch gießen, und alles mit einem Holzlöffel gut, aber schnell mischen. Den Teig nicht kneten, sondern leicht zu einer Kugel formen. Ein Kreuz in den Laib einschneiden und ca. zehn Minuten lang backen. Die Temperatur dann auf 180 Grad herunterschalten und weitere 35 Minuten im Ofen lassen, bis das Brot beim Klopfen auf der Unterseite hohl klingt. (Das Rezept stammt aus dem Jahr 1857.)

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