Vertical Farming

Basler Indoorfarm könnte bald Erdbeeren im Winter anbieten

Julia Jacob

Von Julia Jacob

Fr, 03. Juli 2020 um 07:00 Uhr

Basel

Die Robotic Vertical Farm produziert in Basel Gemüse fast ohne Gärtner. Es wächst vertikal in einer vollautomatisierten Indoor-Farm. Sie könnte sogar lokale Erdbeeren an Weihnachten anbieten.

Nicht nur der Klimawandel, auch wachsende Städte und begrenzte Flächen stellen den traditionellen Landbau vor Herausforderungen. Das Unternehmen Growcer hat sich dazu etwas einfallen lassen. Auf dem Basler Wolf-Areal produziert das Start-up Gemüse und Kräuter in einer vollautomatisierten Indoor-Farm, in der Pflanzen in der Vertikalen unter perfekten Bedingungen gedeihen. Sogar Wind wird in der Anlage simuliert.

Das wichtigste Arbeitsgerät des modernen Landwirts ist der Laptop. Marcel Florian, rote Sneaker, schwarzes Shirt mit Fimenlogo, Jeans, Bart, CEO der Growcer AG, lässt für hunderte Kopf Blattsalat, Federkohl und Mangold mit einem Fingerzeig auf dem Touchpad die Sonne aufgehen. Das für den optimalen Wachstumsschub auf rote und blaue Wellen gestutzte Farbspektrum des Lichts, das aus tausenden LEDs auf das Gemüse strahlt, wechselt auf Weiß. Für einen Moment sehen die Pflanzen, die hier in dicht aneinander gereihten vier Meter hohen Türmen gedeihen, aus wie Blattgemüse eben aussieht: grün. "Wir können hier perfekte Wachstumsbedingungen schaffen", erklärt der Landwirt, der eigentlich ein IT-Mann ist.

"Qualität, Menge und Reifezeit sind immer gleich." Florian

Jede Stunde durchläuft Wasser für exakt fünf Minuten die Stelen. Weil die Bewässerung direkt an der Wurzel ankommt und nicht aufgenommenes Wasser zudem wieder in den Kreislauf zurückgespeist wird, rechnet Growcer mit einem bis zu 90 Prozent reduzierten Wasserverbrauch gegenüber der traditionellen Feldwirtschaft. Das mache die Technologie auch für Länder attraktiv, in denen Wassermangel bereits ein riesiges Problem ist. Anfragen erhält das Unternehmen aus dem gesamten mittleren Osten, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Singapur und Australien. Auch die nordischen Länder sehen in der Technologie, mit der sich die Sonnenscheindauer ganzjährig auf ideale 16 Stunden einstellen lässt, Potenzial. Das Interesse in den Zweig zu investieren wachse. Florian spricht von "starken Investoren", Namen will er keine nennen.

400 Quadratmeter Vertikal-Anbau entspricht 1500 im Feld

Bewässerung, Licht, selbst Wind, der die Pflanzen robuster macht, kann die Anlage simulieren. Nichts ist Zufall. Einen Tag brauchen die Samen zum Keimen, Blattsalat etwa wächst in exakt 14 Tagen zum Steckling heran, nach der Transplantation in sein vertikales Beet ist 30 Tage später Erntezeit. Kein Tag mehr oder weniger. "Qualität, Menge und Reifezeit sind immer gleich", sagt Florian, der durch einen transparenten Lamellenvorhang aus der "kleinen Farm" heraustritt.

In dem fensterlosen vollklimatisierten Raum, der in der ehemaligen Güterhalle auf dem Wolf-Areal steht, wachsen auf einem Volumen, das einem mittelgroßen Lkw-Auflieger entspricht, aktuell bis zu 8320 Pflanzen. Doch das ist erst der Anfang. Im vollen Ausbau, der für August vorgesehen ist, sollen Blattgemüse und Kräuter bei Growcer auf 400 Quadratmetern vertikaler Anbaufläche heranwachsen – was 1500 Quadratmetern Feldfläche entspricht. Bei weiterer Optimierung der Abläufe sollen sogar 2400 rauszuholen sein.

"Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz zu den üblichen Anbaubetrieben", betont Florian. Den Vorzug der hochtechnologisierten und automatisierten Anlage sieht er darin, dass sie frei von Umwelteinflüssen produziert. Kommt es wegen extremer Trockenheit, Hagel oder Frost zu Ernteausfällen, könne die Indoor-Farm einspringen und in geschützten Bedingungen nachproduzieren, was Mutter Natur verwehre. Dadurch könne auf Importe verzichtet werden, die lokale Produktion bleibe gewährleistet.

Produktion ist saisonunabhängig

Auch die saisonunabhängige Produktion nennt Florian als Vorzug. Derzeit testet das Unternehmen in einem Versuch den Anbau von Basilikum, der in unseren Breitengraden eigentlich nur im Sommer gedeiht, aber ganzjährig nachgefragt wird. Dann folgt ein Satz, der hängenbleibt: "Wir können auch an Weihnachten lokale Erdbeeren anbieten." Wird das, was bislang als Öko-Frevel galt, bald zum ökologisch vertretbaren Normal? Auch wenn Growcer aufgrund der Anbauweise "Hors Sol" also ohne Erde – die Pflanzen wurzeln auf Kokosfaser und Torf – nicht als Bio-Betrieb zertifiziert werden kann, ist man darum bemüht, möglichst nachhaltig zu produzieren.

Mit dem Einsatz von 100 Prozent Ökostrom will man, was den CO2-Abdruck angeht, mit der Feldwirtschaft gleichziehen. Bleibt die Indoor-Farm frei von äußeren Einflüssen, kann auch auf Pestizide verzichtet werden. "Das ist natürlich eine Achillesferse der Vertical Farms", sagt Florian, der das Unternehmen im August 2019 gründete. Auch kurze Transportwege – binnen einer Stunde ist die Ernte beim Vertriebspartner Migros, der seit dem 16. Juni sechs Sorten Blattgemüse in seiner Filiale auf dem MParc Dreispitz vertreibt – zählen positiv in der Öko-Bilanz. Grundsätzlich sei die Farm dazu geeignet im urbanen Umfeld lokal zu produzieren.

Versorgung von 1500 Bewohner

Wenn das Quartier neu belebt wird, könnte Growcer die Versorgung von 1500 Bewohnern übernehmen. Bislang hat das Start-up 150 Sorten im Katalog. Wie schnell der Ausbau voranschreitet, hängt auch vom Kunden ab. Die Erzeugnisse würden teils begeistert, teils skeptisch aufgenommen, berichtet Moritz Weisskopf, der bei Migros für die Unternehmenskommunikation zuständig ist. Neben der Frage, ob das schmeckt, höre er auch von ethischen Bedenken. Vor allem eine Landwirtschaft ohne Mensch sei für viele schwer vorstellbar.

Tatsächlich soll bei Growcer bald schon ein Roboter die Regie übernehmen. Noch steht der orangefarbene Riese mit dem langen Greifarm regungslos am Förderband. Doch die Technologie ist da – und sie wird zum Einsatz kommen. An der Setzlingsstation legt derweil noch einer Hand an, der ein Gespür für Pflanzen hat: Gärtner Michel Ammann. Behutsam zupft er welke Blätter ab. "So schön kann das noch kein Roboter", gesteht Florian.