Abschied

BZ-Herausgeber Thomas Hauser geht in den Ruhestand

Stefan Hupka

Von Stefan Hupka

Fr, 12. Juli 2019 um 21:21 Uhr

Freiburg

Er war 15 Jahre lang Chefredakteur und knapp 3 Jahre Herausgeber: Nach mehr als 40 Jahren im Dienst der Badischen Zeitung geht Thomas Hauser in den Ruhestand.

"It’s the economy, stupid." Wenn jemand in dieser Zeitung für den bekannten, etwas kruden Lehrsatz steht, dann er. Auch für die Haltung, die daraus spricht. Mit diesem Schlagwort, wir erinnern uns, wollte ein Wahlkampfmanager Bill Clintons 1992 auch dem Dümmsten im Team klarmachen, dass es die wirtschaftlichen Verhältnisse sind, die Wahlen entscheiden.

Das könnte – mit leicht alemannischem Timbre – auch Thomas Hauser gesagt haben. Eigentlich sagt er es, sinngemäß, bis heute und bezieht es dann nicht nur auf Wahlen, sondern auch auf das Wohlergehen seiner Zeitung und ihrer Branche.

Das heißt nicht, dass nackte Zahlen und Renditen, benchmarks und milestones für den gelernten Wirtschaftsjournalisten das Ein und Alles wären. Es heißt nur, dass man die Ökonomie und ihre Gesetze zur Kenntnis nehmen sollte, wenn man ein realistisches Lagebild haben will. Das klingt vernünftig, versteht sich aber in solcher Nüchternheit nicht in jedem politischen Lager von selbst – auch nicht in jedem Gemeinderat, jeder Gewerkschaft oder Redaktion.

Geduldsproben

Was Letztere betrifft, besteht die Kunst darin, sagt Hauser, "ökonomischen Zwang und journalistischen Anspruch in der Balance zu halten". An dieser Balance hat er an der Blattspitze lange und geduldig gearbeitet und dabei andere Temperamente, die manches gerne schneller entschieden hätten, auf Geduldsproben gestellt – man kann auch sagen, ein wenig ausgebremst.



Nach Ansgar Fürst (89) mit dessen uneinholbaren 25 Jahren als Chefredakteur rangiert Thomas Hauser mit 15 Dienstjahren – plus knapp dreien als Herausgeber – in Ausdauer auf Rang zwei der Ahnengalerie der Badischen Zeitung. Ganz recht, Ahnengalerie, denn auf diesen honorigen Sims haben Verleger, Kollegen und Freunde den eben 65 Jahre alt gewordenen Neuruheständler Mitte dieser Woche in der Markthalle zu Freiburg feierlich gehoben.

Einen "Rekord für die Ewigkeit", bescheinigt ihm sein Verleger Wolfgang Poppen zum Abschied. Denn nimmt man alles in allem, ist Hauser schon seit 47 Jahren dem Blatt treu: Bereits als Teenager schrieb "tha" 1972 seinen ersten Beitrag – über einen Jugendclub auf der Hochburg oberhalb von Emmendingen. Dort, in Emmendingen, ist er 1954 zur Welt gekommen, als fünftes von elf Kindern des Volksbankdirektors Rudolf Hauser und Frau Anneliese.

Das bisschen, was ich lese, schreibe ich mir selber – so geht ein alter Witz von und über Journalisten. Dieser Sparversion mögen andere näherkommen, der Journalist Hauser kann damit nicht gemeint sein. Der war früh schon ein Homme de Lettres; er ging, bevor er sich voll in den Dienst der Badischen Zeitung stellte, erstmal studieren, nach Gießen und Tübingen – Erziehungswissenschaften, Soziologie, Psychologie und Politik. Und in den Semesterferien vertrat der Student urlaubende Lokalredakteure am Hochrhein, im Schwarzwald und daheim in Emmendingen.

Den leicht spöttischen Sound hat Hauser kultiviert

Zurück kam er als Diplom-Pädagoge – und ein gewisses Faible fürs Erzieherische gefiel den Kollegen im Wirtschaftsressort schon an ihrem Volontär nicht schlecht. Das Wirtschaftsressort, muss man wissen, ist so etwas wie der Bodenanker für ein Luftschiff namens Zeitung. Mögen sie im Lokalen rackern, im Sport rennen, im Feuilleton räsonieren und in der Politik heiß spekulieren – letzten Endes sind es die provokant kühlen Köpfe der Wirtschaft, die alle anderen wieder auf den Teppich holen. Oder das zumindest versuchen.

Diese Weltsicht hat den Redakteur Hauser früh geprägt. Die Kollegen haben ihn noch während der Ausbildung 1982 zur Grünen Woche geschickt, von wo aus er mit vollem Bauch sarkastische Berichte über die Fressmesse heim nach Freiburg kabelte: "In Berlin wird wohl niemand die Grüne Woche mit dem Eindruck verlassen, dass in Deutschland eine Hungersnot bevorstehen könnte."

Den leicht spöttischen Sound hat Hauser kultiviert, verbunden mit seinem Talent fürs Analytische und manchmal – natürlich nur, wenn es pädagogisch angeraten war – einer Neigung zum Granteln.

Kein Mann für "zynische Vernichtungsfeldzüge"

Aus diesen Zutaten ist im Lauf der vielen Jahre eine stattliche, nein, unübersehbare Zahl von Kommentaren, Leitartikeln und Hintergrundbeiträgen geworden – über Tarifkonflikte, Renten, den Arbeitsmarkt, die Steuerpolitik, den Strukturwandel, das Postmonopol und manch anderes seiner Leib- und Magenthemen. Hauser lieferte dabei "keine einfachen und billigen Rezepte", lobt Co-Verleger Christian Hodeige, und auch für "Parolen, Kampagnen oder zynische Vernichtungsfeldzüge" sei dieser Journalist nicht zu haben gewesen.

Der Landwirtschaft übrigens und ihren Nöten ist Hauser nach der Grünen Woche lange treu geblieben. Für eine Reportage über die Folgen der Milchquoten aus Sicht eines Bauern im Schwarzwald, Titel: "Ich bin hier zum Weitermachen verdammt", bekam er 1986 den Theodor-Wolff-Preis, er gilt als höchster Orden der Branche.

Doch vor jeden guten Kommentar, so Hausers frühes und ständiges Credo bis heute, setzt das Berufsethos die gute, auch die couragierte Recherche. Ansgar Fürst, einer seiner Ziehväter, erinnert sich da an einen gemeinsamen Nachmittag Anfang der 90er Jahre bei Hermann Herder – damals noch Miteigentümer der Badischen Zeitung – auf einem Landsitz östlich Freiburgs. Dem Chefredakteur imponierten die präzisen Fragen des jungen Kollegen nach "wirtschaftlichen Schwierigkeiten", in denen Herders Buchverlag damals steckte. Das Stillhaltekalkül des prominenten Gastgebers ging nicht auf, die recherchierten "Schwierigkeiten" waren bald in Herders eigener Zeitung nachzulesen.

"Der Mann sagt offen seine Meinung – selbst wenn sie manchmal so unpopulär ist, wie der Widerstand des Mooswälders gegen den Freiburger Stadionneubau."
Was spaltet die Gesellschaft, was hält sie zusammen – und was kann und sollte eine regionale Tageszeitung zu ihrem Zusammenhalt beitragen? Die Frage hat den Journalisten Hauser schon immer beschäftigt und tut es bis heute. Darüber hat er sich lange mit Ralf Dahrendorf unterhalten, dem langjährigen Berater der Badischen Zeitung und ihrer Verleger. Zusammen mit Hauser haben sie nach Dahrendorfs Tod 2009 den nach ihm benannten Journalistenpreis ins Leben gerufen – eine Würdigung für couragierten Journalismus gerade dort, wo er besonders schwierig, aber auch besonders nötig ist: im Lokalen. Bis heute leitet Hauser die Jury. Und er hat sein Wissen über den großen Denker, Politiker und Publizisten in einer frisch erschienen Biografie zusammengefasst.

Von manchen heißt es anerkennend, sie kämpften "mit offenem Visier". Hauser braucht zum Kämpfen nicht einmal einen Helm. Der Mann sagt offen seine Meinung – selbst wenn sie manchmal so unpopulär ist, wie der Widerstand des Mooswälders gegen den Freiburger Stadionneubau. Seinen Redakteuren ließ er selbstverständlich – wie auch sonst immer – die Freiheit der Andersdenkenden. "Aktive Toleranz" nennt es der Festredner Philippe Merz.

Damit hat sich der Journalist Hauser auch Respekt bei solchen Lesern erworben, die politisch anderer Meinung waren und sind – zum Beispiel beim Politologen Wolfgang Jäger. Hauser schreibe und argumentiere erkennbar auf einem "linksliberalen Fundament", sagt dieser, um eine knappe Würdigung gebeten. Um dann etwas hinzuzufügen, das nach Konzession klingt, aber für einen Sozialdemokraten wie Hauser aus dem Mund eines Christdemokraten ein großes Kompliment ist: "Aber – man konnte das vertreten."

Mehr zum Thema