"Mit allen Sinnen"

BZ-Leser erkunden das größte Regenüberlaufbauwerk Freiburgs

Fabian Vögtle

Von Fabian Vögtle

Mi, 22. August 2018 um 09:48 Uhr

Freiburg

Im größten Regenüberlaufbauwerk der Stadt erfahren mehr als 50 Leserinnen und Leser, wie Schmutz- und Regenwasser gespeichert werden und danach über das Kanalsystem zur Kläranlage an den Kaiserstuhl und teils in den Zähringer Dorfbach fließen.

Nase zu und ab in die Tiefe. Über eine Treppe geht es hinunter in zwei derzeit fast leere Becken. "Bei Starkregen füllen sich diese Speicher rasch mit Wasser", erklärt Christian Roth von der Badenova-Tochter BN-Netze den BZ-Lesern. Roth ist für die Anlage ganz im Norden, an der Ortsgrenze zu Gundelfingen, verantwortlich.

Sechs Anlagen gibt es in der Stadt

Das Regenüberlaufbauwerk ist das größte von sechs solcher Anlagen im ganzen Stadtgebiet.

Hier fließt auch das Abwasser aller Wohnungen und Geschäfte aus Zähringen, Herdern, Brühl-Beurbarung und Teilen der Altstadt hindurch. "Das sind 1800 Liter pro Sekunde", sagt Roth und zeigt auf eine Art unterirdischen Bach, der durch eines der beiden hochgesicherten Speicherbecken rauscht und von dort – wenn es wie derzeit kaum Regen gibt – über das angeschlossene Kanalsystem direkt weiter zur Kläranlage an den Kaiserstuhl, in die Nähe von Forchheim. Dort fließt letztlich das Abwasser aus ganz Freiburg hin.

Um nun Kanalisation und Kläranlage bei Starkregenereignissen zu entlasten, gibt es die Regenüberlaufspeicher; der Abfluss wird dabei gedrosselt. Sobald das Wasser im ersten der 650 Kubikmeter fassenden Becken die Höhe von 2,90 Meter übersteigt, wird das Wasser in das zweite Becken geleitet, erklärt Roth. Dass beide voll seien, komme in der Regel etwa zehnmal pro Jahr vor. Das überbordende Wasser wird dann in den Zähringer Dorfbach geleitet. "Dieses Wasser ist durch die Mischung aber nicht mehr so schmutzig wie zuvor", sagt Roth.

Beim Regenrückgang wird das Mischwasser über einen Schieber gesteuert und somit in Sekundenbruchteilen in die Kanalisation gegeben. Der Freiburger Energieversorger Badenova betreut das 740 Kilometer lange Kanalsystem seit 1998.

Ein Sog- und Spülfahrzeug mit Frischwasser reinigt die Becken nach einem Unwetter. Ansonsten wird die Anlage mit Hilfe von Kameras überprüft, von der Verbundwarte am E-Werk oder oberhalb auf dem Gelände an den Schaltschränken.

Unter den Teilnehmern sind Leute vom Fach

"Es ist schon gigantisch, wie das hier alles funktioniert", sagt BZ-Leser Thomas Jauß, der Geowissenschaften studiert hat und promovierter Kristallograph ist. Er habe bisher nur oberirdische Versickerungsbecken zum Ausgleich besichtigt. Neben Jauß ist auch die am Thema sehr interessierte promovierte Hydrologin Katharina Gimbel bei der Ferienaktion dabei. "Das ist echt klasse, was wir hier für einen Eindruck bekommen", sagt sie nach der Rückkehr aus der Kanalisation.

Nicht alle trauten sich am Dienstag jedoch bis ganz unten ins Becken hinunter und hinein. Das mag vor allem an dem beißenden Geruch liegen, der bereits oberirdisch in der Luft liegt und mit jeder Treppenstufe intensiver wird. "Der Geruch ist unbedenklich", sagt jedoch Peter Reuss, Betriebsleiter der Stadtentwässerung. Dass das Abwassersystem aber durchaus eng mit den Themen Sicherheit und Gesundheit zu tun hat, macht Reuss dennoch klar. In der Kanalisation weiter unten könnten Bakterien Gase erzeugen. Der Schwefelsauerstoff habe dann eine schnelle Wirkung. Auch die sogenannte Weil’sche Krankheit, deren Erreger sich im Körper von Ratten befinde, könne sich durch Abwasser und Schlamm weiter verbreiten. "Also bitte nichts anfassen und nichts in den Mund nehmen", warnt Frank Nußkern von BN-Netze.

Doch die meisten Leser sind gekommen, weil sie das Thema Wasser schon länger interessiert, Gestank hin oder her. Einer war in Hamburg schon mal unterirdisch in alten, noch gemauerten Kanälen unterwegs. Die gibt es in Freiburg, wo die ersten Kanäle um 1880 entstanden, zwar auch noch, bestätigen Nußkern und Reuss. Aber die meisten seien heutzutage aus Stahlbeton.

Leserin Christa Judith ist zwar keine Expertin, aber sie hat schon mal eine Führung im Wasserschlössle im Sternwald mitgemacht und nun neben der Trinkwasserversorgung auch etwas über das Abwassersystem gelernt. "Dass diese versteckte Anlage so riesig ist, hätte ich nicht gedacht", sagt eine weitere Teilnehmerin der ungewöhnlichen Besichtigung.

Mehr zum Thema: