Bevölkerungsrückgang

China führt Drei-Kind-Politik ein

Fabian Kretschmer

Von Fabian Kretschmer

Mi, 13. Oktober 2021 um 21:19 Uhr

Ausland

Die chinesische Staatsführung will gegen "medizinisch unnötige" Abtreibungen vorgehen. Außerdem wird in den Staatsmedien vermehrt das traditionelle Bild der häuslichen Mutter propagiert.

Es ist lediglich ein nüchtern formulierter Halbsatz in einem 50.000 Zeichen langem Dokument, der in feministischen Kreisen in China für Aufregung gesorgt hat. In einer kürzlich veröffentlichten neuen Richtlinie des chinesischen Staatsrats heißt es, medizinisch unnötige Abtreibungen sollten innerhalb der nächsten Dekade reduziert werden.

"Seit mehr als einem Jahrzehnt versucht Chinas Propagandaapparat, ,hochwertige’ Han-Chinesinnen in die traditionelle Rolle von Ehefrauen und zu Hause bleibenden Müttern zu drängen, um ,hochwertige’ Babys zum Wohle der Nation zu produzieren." Leta Hong Fincher
Was durchaus besorgniserregend klingt, hinterlässt vor allem viele Fragezeichen: Weder definiert der Staatsrat, was medizinisch unnötige Abtreibungen ausmacht, noch wie stark diese reduziert werden sollen. Dennoch werten einige Chinesinnen die Ankündigung als Eingriff in ihre Entscheidungsgewalt über ihren Körper. "Seit mehr als einem Jahrzehnt versucht Chinas Propagandaapparat, ,hochwertige’ Han-Chinesinnen in die traditionelle Rolle von Ehefrauen und zu Hause bleibenden Müttern zu drängen, um ,hochwertige’ Babys zum Wohle der Nation zu produzieren", schreibt die Autorin Leta Hong Fincher, die mehrere Bücher über Chinas feministische Bewegungen verfasst hat, auf Twitter.

Anteil an Han-Chinesinnen und Chinesen in der muslimisch geprägten Region Xinjiang soll erhöht werden

Tatsächlich fasst die Kommunistische Partei ihre Bevölkerungsplanung deutlich ganzheitlicher auf, als es in vielen anderen Staaten der Fall ist. Ohne Problembewusstsein schreiben die Bürokraten der KP in ihren Fünfjahresplänen davon, dass man die "Bevölkerungsqualität" verbessern möchte. Dies bedeutet unter anderem, dass der Anteil an Han-Chinesinnen und Chinesen in der muslimisch geprägten Region Xinjiang erhöht werden solle. Chinas Staatsführung hat sich zudem seit Jahrzehnten bereits in die zutiefst private Angelegenheit der Familienplanung seiner Bevölkerung eingemischt. Ab 1980 verordnete Peking eine rigide Ein-Kind-Politik, bei der staatliche Institutionen – offiziell illegale – Zwangsabtreibungen durchführten und massives Leid in Millionen Familien brachten. Die Maßnahmen wurden damit begründet, das rasante Bevölkerungswachstum müsse gedrosselt werden.

Die Staatsführung hat dieses Jahr eine Drei-Kind-Politik eingeführt

Nun steht die Volksrepublik vor dem gegensätzlichen Problem: Die Bevölkerung wird bald schrumpfen und rapide altern, was auch den wirtschaftlichen Aufstieg bedroht. Also hat die Staatsführung dieses Jahr eine Drei-Kind-Politik eingeführt. Die neue Freiheit wird jedoch nicht in Anspruch genommen, da die junge Generation aufgrund massiver Kosten für Wohnen und Bildung gar nicht mehr als ein Kind haben möchte. Zudem haben sich die Lebensentwürfe von Frauen vervielfältigt. Doch Pekings Staatsführung steuert mit ihrem Propagandaapparat gegen den Zeitgeist. Während feministische und LGBTQ-freundliche Online-Gruppen zensiert werden, propagieren die Staatsmedien erneut das traditionelle Bild der Frau als häusliche Mutter.

Es ist Achtsamkeit geboten, wenn sich die Staatsführung in das Privatleben einmischt

Die jetzige Abtreibungsregelung taugt allerdings noch nicht zum Skandal, solange die konkrete Umsetzung nicht bekannt ist. Denn tatsächlich wird in den Richtlinien des Staatsrats auch betont, dass junge Frauen leichter Zugang zu Verhütungsmitteln erhalten, die Sexualbildung verbessert und geschlechtsspezifische Diskriminierung am Arbeitsplatz bekämpft werden sollen. Dennoch ist stets Achtsamkeit geboten, wenn sich die Staatsführung wieder verstärkt in das Privatleben der Chinesinnen und Chinesen einmischt.

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