Jahrgang 2020

Corona-Pandemie trübt das Glück der Winzer in Offenburg

Cornelia Weizenecker

Von Cornelia Weizenecker

Do, 12. November 2020 um 16:33 Uhr

Offenburg

Mit der Qualität der diesjährigen Lese sind die Weinbaubetriebe in Offenburg zufrieden. Fehlende Feste und ausbleibender Gastronomie-Absatz sehen manche jedoch als existenzbedrohend an.

Winzer sind es zwar gewohnt, sich ständig den Herausforderungen durch die Natur zu stellen. Dennoch seien die Aufgabenstellungen, die aus der Pandemie erwachsen, noch einmal eine ganz andere, "teilweise existenzbedrohende Hausnummer", sagt Bernd Hammes. "Welche Auswirkungen sich aus den veränderten Absatz- und Konsumbedingungen in Summe ergeben, wissen wir zur Stunde nicht", so der Bereichsvorsitzende Ortenau des Badischen Weinbauverbandes beim traditionellen Herbstgespräch der Offenburger Weinbaubetriebe.

Neben Lockdown-bedingten Einbußen im Weinverkauf – vor allem in der Gastronomie –, konnten viele lieb gewonnene und für den Kontakt zu Kunden wichtige Veranstaltungen wie Wein-und Hoffeste nicht stattfinden. "Mit der Absage des Offenburger Weinfests haben wir lange gewartet", betonte Tanja Keck vom Offenburger Stadtmarketing. Daraufhin wurden die Köpfe der Abteilung kreativ und haben neben anderen Marketingaktionen auch zwei Weinproben mit je 199 Personen auf dem Offenburger Marktplatz organisiert.

Nur lokale Frostschäden, aber mehrere trockene Monate

Aus dem eigentlich geplanten großen Weinwandertag wurden kurzerhand Weinspaziergänge gemacht. "Die wollen wir im kommenden Jahr im April, zusätzlich zum Weinwandertag, weiterführen", betonte Matthias Wolf, vom Weingut Schloss Ortenberg. Doch nicht nur das Coronavirus und seine Folgen beschäftigten die Winzer im zu Ende gehenden Jahr, auch der Vegetationsverlauf brachte Herausforderungen mit.

Geringe Niederschläge in den Wintermonaten und der besonders trockene April bereitete Sorgen. Anfang April kamen die ersten Triebe, aber eine frostige Nacht forderte an manchen stellen ihren Tribut. "Lokal eng begrenzt gab es Frostschäden an den Rebtrieben, leider teilweise bis zu 100 Prozent", erklärt Hammes. Doch dann wurde es besser.

Und im Sommer freuten sich die Winzer über zahlreiche Tageshöchsttemperaturen um die 30 Grad. Noch wichtiger: Auch in der Nacht fiel das Thermometer kaum unter 15 Grad. Das ließ die Reifung der Trauben schnell voranschreiten.

Bereits Ende August hat die Lese begonnen

Schon am 20. August konnte mit der Lese begonnen werden, in den vergangenen 20 Jahren startete die Weinernte nur drei mal früher. Auf dem Weingut Schloss Ortenberg konnten die Mitarbeiter daher nicht – wie gewohnt – die mehrwöchigen Ferien genießen, lediglich eine Woche Verschnaufpause wurde genehmigt, bevor die anstrengenden Erntewochen los gingen. "Wir haben diesmal nicht, wie üblich, mit der Müller-Thurgau-Lese begonnen, sondern mit dem Grauburgunder", berichtete Matthias Wolf vom kommunalen Weingut.

Der fortgeschrittene Reifepunkt verlangte schnelles Handeln, damit nicht ein zu hohes Mostgewicht den Alkoholgehalt im Wein dominiert. "Die Lese war Ende September beendet", berichtete auch Christian Gehring von der Weinmanufaktur Gengenbach-Offenburg. Durch den schnellen Anstieg des Zuckers in den Trauben seien die Weine nach den Ernten ab dem 8. September im Kabinett-Bereich gewesen. "Wir haben, wie schon in den Jahren zuvor, einen Jahrhundertwein eingefahren", freute sich Gehring.
Plus bei Weissweinen

Hauptweißweinsorte ist der Riesling mit 22,2 Prozent. 112 Kilogramm pro Ar (plus 25 Prozent) mit durchschnittlich 89 Grad Oechsle wurden eingefahren. Beim Chardonnay (95 Grad Oechsle) sind es 100 kg/ar – ein Plus von 31,6 Prozent. Geringer sind die Erträge bei den Burgundersorten. Im Vergleich zum Vorjahr konnten hier drei Prozent mehr geerntet werden. Beim Spätburgunder wurden im Durchschnitt 99 Grad Oechsle gemessen bei 96 kg/ar (minus Prozent).

Auch Georg Lehmann von der Rammersweirer Winzergenossenschaft berichtete von den frühreifen Rebsorten, von einer komprimierte Lesezeit von 19 Tagen. Die Winzer hatten hier einen angemieteten "Vollernter" im Einsatz. Mit ihm wurde nachts und in den frühen Morgenstunden bei kühleren Temperaturen maschinell geerntet. Ein kühleres Lesegut steigere die Qualität der Weine, so die Experten.

Eingelagert haben die Rammersweierer im Herbst 2020 rund 460.000 Liter Wein. "Wir waren um unsere Erntehelfer aus dem Dorf froh", berichtete Matthias Renner vom gleichnamigen Familien Weingut. Man habe nie länger als bis zur beginnenden Mittagshitze geherbstet. Da das Fessenbacher Weingut eine Premium-Schiene ausbauen möchte, habe man den durchschnittlichen Ertrag auf 85 Kilo je Ar begrenzt.

"Seit 2003 haben wir keinen schlechten Jahrgang mehr." Stefan Huschle, Weingut Freiherr von und zu Franckenstein
"Früh und schnell", so fasste Jochen Basler vom Weingut Pieper-Basler zusammen. Jedes Lesejahr sei anders. Für ihn sei die Lese seines erst 5. Jahrganges die schönste gewesen. Wegen der hohen Temperaturen habe man sich in diesem Jahr bei der Lese in der Mittagszeit eine Siesta angewöhnt. "2019 haben wir zum ersten Mal einen Naturwein produziert", so Basler. Dieser Riesling sei zwar kein Biowein, aber aber kein Pflanzenschutzmittel gesehen, lediglich sei zweimal mit Backpulver gespritzt worden. Und auch im Keller werde auf Zusatzstoffe und Schwefel verzichtet.

Auch von Stefan Huschle vom Weingut Freiherr von und zu Franckenstein war zu hören, dass sein Betrieb längst ökologisch, aber auch nachhaltig arbeite. Das Volksbegehren Pro Biene habe die Winzer zum Nachdenken angeregt, und das habe Auswirkungen. Er nannte beispielsweise die Bienenhotels und das alternierende Mulchen, damit in jeder zweiten Reihe das Gras und damit Lebensraum nachwachsen könne. "Wir leben von gesunden Böden und nicht von Chemie", so Huschle. "Seit 2003 haben wir keinen schlechten Jahrgang mehr, so auch 2020", so der Geschäftsführer.