Corona-Maßnahmen

Debatte um Homeoffice-Pflicht stößt im Südwesten auf Widerstand

dpa

Von dpa

Mo, 18. Januar 2021 um 15:25 Uhr

Südwest

Angesichts der Corona-Pandemie fordern einige Politiker, dass Betriebe ihre Mitarbeiter bald verpflichtend ins Homeoffice schicken sollten. Doch ein solcher Schritt ist mehr als umstritten.

Planspiele zu einer Homeoffice-Pflicht für eine bessere Kontaktvermeidung in der Corona-Pandemie stoßen sowohl bei Arbeitgeber- als auch Arbeitnehmervertretern im Südwesten auf Widerstand. Der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Baden-Württemberg, Martin Kunzmann, sagte am Montag in Stuttgart, eine solche Regelung wäre auch für viele Beschäftigten kontraproduktiv.

Mobiles Arbeiten bedeute nicht automatisch, dass das auch unter guten Bedingungen geschehe. "Man darf nicht vergessen, dass nicht alle Beschäftigten problemlos von zu Hause aus arbeiten können, entweder, weil sie keinen geeigneten Arbeitsplatz oder Internetzugang haben oder weil sie unter Einsamkeit oder psychischen Erkrankungen leiden."

Ähnlich bewertet der Arbeitgeberverband Südwestmetall die Lage. Man positioniere sich gegen eine Homeoffice-Pflicht, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Peer-Michael Dick. "Wir sind überzeugt, dass da, wo Homeoffice möglich ist, auch Homeoffice gemacht wird, sofern die Arbeitnehmer mitmachen." Man müsse in diesem Zusammenhang aber bedenken, dass mobiles Arbeiten nicht so oft möglich sei, wie sich viele Außenstehende das vorstellten - allein schon aus technischen Gründen. Zudem seien etliche Arbeitnehmer auch nicht besonders erpicht darauf, von zu Hause aus zu arbeiten.

Der Verband Südwestmetall vertritt die Interessen der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg - einer Schlüsselbranche mit fast einer Million Beschäftigten.

Dick sagte, ein Unterschied zum Lockdown im Frühjahr sei, dass damals beispielsweise viele Lieferketten in der Autoindustrie gerissen seien, weswegen mehr Mitarbeiter als unter normalen Bedingungen ins Homeoffice oder in den Urlaub hätten geschickt werden können. Auch die Zahl der Kurzarbeiter war damals rasant angestiegen. All das ist nun nicht der Fall - in der Metallindustrie wird trotz des neuerlichen Lockdowns fast wie gewohnt produziert. Dick schätzt, dass in der Südwest-Metallbranche prinzipiell 25 bis 30 Prozent der Arbeitnehmer mobil arbeiten könnten, die restlichen Jobs seien etwa an Produktionsstätten gebunden.

Für das baden-württembergische Handwerk erklärte Verbandspräsident Rainer Reichhold, die Debatte gehe für viele Betriebe an der Realität vorbei. "Gerade im Handwerk kommt aufgrund der Tätigkeit häufig kein Homeoffice in Betracht", sagte er, betonte aber: "Selbstverständlich appellieren wir auch an die Betriebe, ihren Beschäftigten in dieser Situation Homeoffice anzubieten - wo immer möglich. Wir wissen, dass Homeoffice für viele Unternehmen eine finanzielle, organisatorische und auch datensicherheitstechnische Belastung darstellt."



Der Baden-Württembergische Industrie- und Handelskammertag (BWIHK) forderte vor dem Bund-Länder-Gipfel zur Corona-Pandemie am Dienstag mehr Berechenbarkeit in den politischen Entscheidungen und eine verlässlichere Planungsgrundlage. "Die Grenze der Zumutbarkeit an Belastungen ist für viele Betriebe schon lange erreicht. Eine Ausweitung des Lockdowns auf weitere wirtschaftliche Bereiche würde dem Standort noch tiefere Schäden zufügen. Solche Gedankenspiele bereiten mir große Sorge", sagte Verbandspräsident Wolfgang Grenke.

Zuletzt hatte bereits der Chef des Handelskonzerns Würth, Robert Friedmann, an die politischen Entscheidungsträger appelliert, den Unternehmen keine Homeoffice-Pflicht für die Arbeitnehmer aufzubürden. Die internationale Erfahrung aus dem Frühjahr lehre: "Wenn man alles schließt, wird das Chaos noch größer", sagte er der Stuttgarter Zeitung. "Ich hoffe, die Politiker erkennen, dass ein verschärfter Lockdown die Situation nicht verbessern würde."

In den bisher geltenden Bund-Länder-Beschlüssen heißt es, Arbeitgeber seien dringend gebeten, Homeoffice-Möglichkeiten zu schaffen. Eine Vorschrift gibt es nicht. Ein Gesetzentwurf von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sieht zwar vor, dass Arbeitnehmer das Recht bekommen sollen, einen Wunsch nach regelmäßigem mobilen Arbeiten mit dem Arbeitgeber zu erörtern. Ein ursprünglich angedachtes Recht auf Homeoffice ist allerdings nicht mehr geplant - die Union ist dagegen.