Nachruf

Der unermüdliche Nach-vorne-Denker Stefan Rost ist tot

Julia Littmann

Von Julia Littmann

So, 15. März 2020 um 11:39 Uhr

Freiburg

Der Freiburger Stefan Rost war keiner für verschwurbelte Theoriedebatten: Sein lustvolles Nach-vorne-Denken zielte immer ganz konkret auf das Handeln für eine bessere Welt. Jetzt ist er gestorben.

Sein Leben lang hat Stefan Rost kluge, kreative Ideen mit Freude und Beharrlichkeit erdacht und sie interessiert mit Freunden und Widersachern diskutiert. Mit enormem Erfolg. Das Mietshäuser-Syndikat – Markenname für solidarisches Wohnen – verdankt sein Gelingen nicht zuletzt Stefan Rosts ungebremster Freude daran, vertrackten Problemen mit gut durchdachten, ausgefuchsten Lösungen zu begegnen.

Er war Maurer, Soldat, Mathestudent

Der gelernte Maurer, 1944 geboren in Essen und dort auch aufgewachsen, bewegte sich zeitlebens zwischen bürgerlicher Welt und unkonventionellen Alternativen. Als Musterlehrling bei Krupp schlug er die Auszeichnung mit firmeninterner Weiterbildung aus, bewahrte sich so seine Unabhängigkeit und erlangte das Abitur im Berufskolleg. Die Bundeswehr lockte danach durchaus mit heroischem Gepräge, bald aber ging Stefan Rost in subversive Opposition und hisste auf dem Truppengelände – es waren die späten sechziger Jahre – die Fahne des Vietcong.

Nach dem Bund folgte ein Mathestudium in Köln, er wollte Lehrer werden – dann aber zog er vor, die Weichen wieder anders zu stellen. Er engagierte sich bei der Sozialistischen Selbsthilfe Köln (kurz SSK) und machte sich für jugendliche Trebegänger stark, für und mit denen er das "Baukollektiv Willibald" gründete. Heinrich Böll gehörte zu den prominenten Unterstützern der Initiative.

Spekulanten, Stadtsanierer, Verlust von bezahlbarem Wohnraum: Im Köln der 70er Jahre traf Stefan Rost geballt auf all die Themen, die ihn die kommenden Jahrzehnte umtreiben würden. Und zwar in und um Freiburg. Hierher kam er 1978, lebte mit Freundinnen und Freunden in Hochdorf, später in Sulzburg – immer in Kollektiven. Und auch wieder mit einem Bautrupp, der dem Gebrauchtwarenlager in der Gretherfabrik angeschlossen war. Dass die Gretherfabrik nach dem Willen der Stadtplaner im Zuge der Grün-Sanierung hätte abgerissen werden sollen, rief Anfang der 80er Jahre all diese solidarischen Verbünde auf den Plan. Ebenso legendär wie typisch ist aus dieser Zeit eine Rost-Replik an Planungsamtsleiter Klaus Humpert bei einer Veranstaltung in Sachen Konzerthaus: Das nämlich plane Humpert für Leute, die sich auch die Blaue Brücke als Bar in den Keller stellen würden. Riesengelächter im Publikum.

Aus dem Kampf für das Grethergelände erwuchs eine bundesweite Initiative für faires Wohnen

Der Erhalt der Gretherfabrik wurde erkämpft, die Maschinenhalle wurde dank Grether Baukooperative zu Wohnraum – und seit 1993 firmiert das Mietshäuser-Syndikat als Dach für inzwischen 154 Hausprojekte in Deutschland. Maßgeblich für diese Entwicklung war über all die Jahre eine große Gemeinschaftsleistung, aber immer wieder auch Stefan Rost.

Seine Interviews und Flugblätter loten gewissenhaft und gewitzt aus, was es an Schwierigkeiten zu meistern galt, damit das Konzept der selbstverwalteten, der Spekulation und dem Gewinnstreben entzogenen Hausprojekte aufgehen kann. In einem dieser Hausprojekte in Freiburg lebte er selbst seit vielen Jahren gemeinsam mit seiner jungen Familie in einer WG. Und bis zuletzt auch immer umgetrieben von der Frage: Was gibt es noch zu tun – für neue Projekte, Syndikate, für gerechte Verhältnisse? Am Dienstag ist Stefan Rost nach schwerer Krankheit gestorben. Dieser kluge Impulsgeber wird nicht nur in Freiburg schmerzhaft fehlen.