Stadtführung

BZ-Hautnah: Die Geschichte der Lahrer Innenstadt als Fundgrube

Heinz Siebold

Von Heinz Siebold

Do, 01. Oktober 2020 um 07:00 Uhr

Lahr

Im Rahmen der Aktion BZ-Hautnah hat ein Gästeführer der Stadt Leserinnen und Leser der Badischen Zeitungen kurzweilig durch die Lahrer Geschichte in der Innenstadt geführt.

Diese Führung habe er besonders gerne gemacht, bekannte Wolfgang Bahr und outete sich als treuer Abonnent der Badischen Zeitung seit 40 Jahren.

Häuser, Plätze, Mauern und Menschen erinnern an zeitlich fernere und nähere Begebenheiten. Wolfgang Bahr, pensionierter Reallehrer, in Sulz geboren und auch dort wohnhaft, löste souverän sein Versprechen ein, den Vortrag kurzweilig zu gestalten, streute unterhaltsame Anekdoten und liebenswürdige Legenden ein, vergaß dabei aber nicht, "das historische Gedächtnis der Stadt" präzise zu zitieren.

Überrascht blickt man in die Tiefe

"Hier hat alles angefangen", begann Bahr am Storchenturm, dem letzten Rest der in den Jahren nach 1218 erbauten Tiefburg der Geroldsecker. "Hier hat die Stadtgeschichte ihren Lauf genommen." Gerade einmal knapp 300 Menschen wohnten innerhalb der ersten Stadtmauer. Die Tiefburg wurde 1677 von marodierenden französischen Truppen niedergebrannt, lediglich der Storchenturm spielte noch für lange Zeit eine wichtige Rolle – als Gefängnis. Mit dem Wachstum der Stadt wurden die Mauern mehrfach neu gezogen. Als Schutz vor Angreifern und Räubern. Ein Mauerrest ist an der Stadtmühle zu besichtigen. Um zu sehen, wie hoch die Mauer wirklich war, braucht es nur ein paar Schritte zur Sparkassenwand, dort blickt man überrascht in die Tiefe.

"Das habe ich noch nie gesehen", staunte ein gebürtiger Lahrer. Es sollte nicht die einzige Überraschung sein. "Wir gehen bewusst mit, weil wir Lahr lieben und durch eine solche Führung noch einmal Neues erfahren", sagte eine Lahrerin, die sich auch an ihre eigene Geschichte erinnerte, als es um das ehemalige Hotel Sonne am Sonnenplatz geht. Dort im Saal haben ihr Mann und sie tanzen gelernt. Um die Lüftlmalereien an der Hotelfassade hat es vor Jahren heftige Debatten gegeben, das gesamte Gebäude stand kurz vor dem Abriss. Aber es steht und man kann die Geschichte von Hoffmann von Fallersleben – Dichter des Deutschlandliedes − erzählen, der hier übernachtete und fast Lahrer wurde. Doch der Großherzog hat’s verboten.

Traurige Geschichte und triste Gegenwart: Das Menzer-Haus

Ein anderes stadtbildprägendes Gebäude mit trauriger Geschichte und trister Gegenwart ist das sogenannte Menzer-Haus in der Kaiserstraße 27, ein ehemaliges Modehaus, das vom jüdischen Geschäftsmann Adolf Friedmann gebaut worden war. Es ist der richtige Ort, um an die jahrhundertelange Diskriminierung der Juden und den Terror der Nazis gegen sie zu erinnern. Bertha und Adolf Friedmann flohen 1939 nach Paris, wurden nach der Eroberung Frankreichs jedoch festgenommen, nach Auschwitz gebracht und ermordet.

Das Alte Rathaus, der Urteilsplatz, das Zollhaus in der Kaiserstraße 39, das Vogtzollhaus Ecke Kirchstraße/Alleestraße und das Spital in der Bismarckstraße sind vielen bekannt. Dass im Eckhaus mit dem Wettbüro an der Schäfergasse einmal ein jüdischer Betsaal war, weniger. Am neuen, 1933 von der Stadtverwaltung bezogenen Rathaus, der früheren Zichorien- und späteren Schnupftabakfabrik, lässt sich sehr gut die neuere Stadtgeschichte erklären. "Lahr war Zichorien- und Tabakstadt, Schächtelestadt und Garnison über viele Jahrzehnte", fasste Bahr zusammen. Geschäftsmodelle, die vergänglich waren wie alles Irdische. "Vielleicht", sinnierte Wolfgang Bahr, gebe es daher ein spezifisches "Lahrer Naturell". Nämlich: "Flexibel auf Veränderungen reagieren müssen. Und auch können."

Weitere Fotos der Führung gibt es unter